„Corona belegt die Stärke des deutschen Gesundheitssystems“

Eric Bussert, Vorstand für Vertrieb und Marketing der HanseMerkur, über Coronas Einfluss auf private Krankenversicherer, notwendige Hausaufgaben der PKV-Branche und Bausteine zur Beitragsentlastung im Alter.

Eric Bussert über Corona, Beitragsstabilität im Alter und die Zukunft der PKV

Zeitgemäß aus dem Home-Office: Eric Bussert im Gespräch mit procontra-Chefredakteur Matthias Hundt

procontra: Herr Bussert, wie nimmt ein Privater Krankenversicherer die aktuelle Corona-Situation wahr?

Eric Bussert: Für uns war bereits Ende Januar klar, als die Situation in China dramatischer wurde, dass dieses Thema sehr bald Europa beschäftigen wird. Daraufhin haben wir direkt Maßnahmen ergriffen, um unsere Mitarbeiter zu schützen und unsere Vertriebspartner und Kunden begleiten zu können. Anfang Februar gingen die ersten Mitarbeiter bereits ins Home-Office, aktuell arbeiten über 90 Prozent von zu Hause aus. Mit der entsprechenden Technik und digitalen Infrastruktur können die Prozesse, sowohl die internen als auch die externen, die für unseren Vertrieb und unsere Kunden wichtig sind, nahtlos weitergeführt werden.

procontra: Gibt es schon erste Erkenntnisse, welchen Leistungsaufwand Corona für Sie als Krankenversicherer bedeutet?

Bussert: Für ein finales Fazit, bezüglich der zusätzlichen Leistungen aufgrund von Coronaerkrankungen, ist es noch zu früh. Was wir jetzt feststellen ist eine Verschiebung, was die Anzahl der Vorgänge angeht. Natürlich erhöhen sich die Aufwände durch infizierte Versicherte, die momentan eine intensive, stationäre Betreuung benötigen. Gleichzeitig gehen die anderen Leistungsbereiche eines Krankenversicherer aktuell zurück. Das lässt darauf schließen, dass die Menschen ihre Arztbesuche, die nicht zwingend notwendig sind, erst einmal verschieben.

procontra: Bemerkenswert ist, mit welcher Geschwindigkeit auf einmal die gesamte Versicherungsbranche, die sonst eher behäbig daherkommt, digitale Lösungen entwickelt und Maßnahmen umgesetzt hat. Warum war das jetzt auf einmal alles möglich?

Bussert: Den Vorwurf der Behäbigkeit an unsere Branche hört man ja häufiger. Das macht ihn nicht unbedingt zutreffender. In den letzten Jahren hat sie sich enorm digitalisiert. Im Vergleich zu Unternehmen, die um Investorengelder buhlen, hängen die klassischen Versicherer das etwas weniger ins Schaufenster. Das lässt vielleicht den Eindruck entstehen, es gäbe kaum digitale Entwicklungen. Das Gegenteil ist allerdings der Fall. Die gesamten Maßnahmen und Lösungen, die seit Corona jetzt zum Einsatz kommen, gab es ja schon lange. Der große Unterschied ist nur, dass das Angebot in der aktuellen Situation viel stärker nachgefragt und genutzt wird.

procontra: Was sind das für Maßnahmen?

Bussert: Beispielsweise die digitalen Kommunikationskanäle zu unseren Kunden, Onlineberatung in den Vertrieben mit vollständigen Antragsprozessen, digitaler Unterschrift und Policierung. Auch unser Webinarangebot wird aktuell viel höher frequentiert.

procontra: Wie genau sieht Ihre Lösung zur Onlineberatung aus?

Bussert: Wir haben zum Beispiel bereits seit vielen Jahren in der Ausschließlichkeit mit dem Beratungs-Navigator einen volldigitalen Beratungs- und Vertriebsprozess implementiert. Der funktioniert von der Kontaktaufnahme mit dem Kunden bis hin zur Policierung ohne Medienbrüche. Neben der Bedarfsanalyse, Produktvergleich und Antragserfassung beinhaltet er auch den klassischen Abschlussprozess mit elektronischer Unterschrift, Beratungsdokumentation und Weiterleitung des Antrages. Viele dieser einzelnen Prozesse stehen auch ungebundenen Vermittlern zur Verfügung, die diese in ihre Online-Beratung integrieren, was in der jetzigen Phase der Kontaktverbote besonders zum Tragen kommt.

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Welche Leistungen die GKV in der Vergangenheit gestrichen hat (Bilderstrecke klicken)

„Eigenverantwortung der Versicherten ist im gegenseitigen Interesse“

procontra: Kostensenkungen sollen auch auf Produktebene erzielt werden. Ähnlich wie Telematik-Tarife in der Kfz belohnen Krankenversicherer eine gesunde Lebensweise und die Eigenverantwortlichkeit der Versicherten. Liegt darin tatsächlich die Zukunft der Krankenversicherer sich sein Kollektiv ein stückweit zu erziehen? Die Telematiktarife drohen in der Kfz ja zu scheitern.

Bussert: Ich glaube nicht, dass es die alleinige Zukunft der Krankenversicherer sein wird. Vielmehr erweitert diese Tarifart das Produktangebot, um für die verschiedenen Bedürfnisse und Vorlieben der Zielgruppen passende Lösungen anbieten zu können. Und da gehören Tarife, die eine gesunde Lebensweise und die Wahrnehmung von Vorsorgeuntersuchungen honorieren, in der Krankenversicherung mittlerweile dazu.

procontra: Aber das Kundenverhalten wird dadurch schon beeinflusst?!

Bussert: Absolut. Aber im gegenseitigen Interesse. Der Kunde reduziert über die Beitragsrückerstattungen seinen Zahlbeitrag und wir unsere Leistungsausgaben. Bei unserem Best Fit-Tarif erhält der Versicherte beispielsweise sechs Monatsbeiträge garantiert zurück, wenn er ein Jahr keine ambulanten und zahnärztlichen Leistungen bei uns in Anspruch nimmt. Dadurch ermöglichen wir ihm faktisch eine Halbierung seiner monatlichen Ausgaben für seine Krankenversicherung. Das ist doch – auch in der Beratung – die bessere Option als ein günstiger Tarif, dem ein geringeres Leistungspaket gegenübersteht.

procontra: Wenn wir über die Zukunft der PKV sprechen, kommen wir an der politischen Dauerdebatte um die Bürgerversicherung nicht vorbei. Glauben Sie an deren Umsetzung?

Bussert: Wenn die Coronakrise eines zeigt, dann doch, wie stark das deutsche Gesundheitssystem im globalen Vergleich ist. Wenn ein Erkrankter heute die Wahl hätte, in welchem Land er sich behandeln lassen möchte, würde er Deutschland wählen. Unser Gesundheitssystem ist herausragend aufgestellt, auch dank der Koexistenz zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Von daher konnte ich die inhaltliche Diskussion um eine Bürgerversicherung noch nie nachvollziehen.

„Die PKV-Branche muss an einigen Stellen nachbessern“

procontra: Sie sehen also gar keinen Bedarf am System nachzubessern?

Bussert: Ich wollte nur betonen, auf welch hohem Niveau wir klagen, wenn man sich die weltweite Situation vor Augen führt. Es ist völlig unstrittig, dass es Stellen gibt, an denen nachgebessert werden muss.

procontra: Zum Beispiel?

Bussert: Die teilweise starken Beitragssteigerungen stehen zurecht in der Kritik. Die unterliegen einer gesetzlichen Regelung zu den auslösenden Faktoren. Tritt ein solcher Faktor ein, muss der Krankenversicherer erhöhen. Das erfolgt dann zwangsläufig sprunghaft und polarisiert medial natürlich. Dabei wird dann gern ausgeblendet, dass die Beiträge jahrelang stabil waren. Hier muss eine Verstetigung der Beiträge angestrebt werden, um Beitragssprünge zu vermeiden.

Außerdem müsste man die Wechselmöglichkeiten in der PKV flexibler gestalten. Aber unabhängig der Hausaufgaben: Das System selbst ist so hervorragend, dass der Populismus und die ideologisch getriebenen Argumente für eine Bürgerversicherung mehr als fahrlässig sind. Statt das aktuelle System zu torpedieren, sollte man sich eher zusammen überlegen, wie man es verbessern kann.

procontra: Vermittler müssen in der PKV-Beratung mit Bedenken ihrer Kunden umgehen, die beispielsweise um die Beitragsstabilität im Alter fürchten – einem Hauptargument gegen die PKV. Wie können Vermittler hier argumentieren?

Bussert: Die Sorge um die Beiträge im Alter ist absolut nachvollziehbar und ein wichtiger Punkt in der Beratung. Mit Fakten können wir diesen Sorgen allerdings begegnen. Für unseren Bestand gesprochen, liegen die Beiträge für die private Krankenversicherung bei lediglich 0,3 Prozent der Versicherten überhaupt über dem Höchstsatz der GKV. Darüber hinaus kann eine konzeptionelle PKV-Beratung dafür sorgen, dass die Beiträge im Alter sinken.

procontra: Wie funktioniert das konkret?

Bussert: Zum Beispiel über einen Beitragsentlastungstarif. Hier wird ein kleiner monatlicher Mehrbeitrag gespart, um den Gesamtbeitrag im Alter zu reduzieren. Eine weitere Möglichkeit ist die Erstattung des Selbstbehalts zu Rentenbeginn. In der Einkommensphase schließt der Versicherte zu seinem Tarif ohne Selbstbeteiligung einen Zusatzbaustein ab. Zu Rentenbeginn wechselt er in einen leistungsgleichen Tarif, allerdings mit einer Selbstbeteiligung, die seinen Monatsbeitrag reduziert.

Der Zusatzbaustein leistet nun zukünftig diese Selbstbeteiligung, sodass seine Gesamtbelastung nicht steigt. In Summe hat der Versicherte den geringeren Monatsbeitrag durch einen Tarif mit Selbstbeteiligung. Durch den Zusatzbaustein muss er diese Selbstbeteiligung aber nicht aufbringen, sondern hat diese über die Jahre bereits vorfinanziert. Das entlastet den PKV-Tarif im Alter spürbar und ist ein gutes Argument in der Beratung gegen die von Ihnen beschriebene Sorge.

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1989: Gesundheits-Reformgesetz