Kleinlein versus Schneidemann: Ein Streitgespräch in fünf Akten

Axel Kleinlein, Sprecher des Bundes der Versicherten und Bayerische-Chef Dr. Herbert Schneidemann trafen sich am Freitag zum virtuellen Schlagabtausch. In knapp anderthalb Stunden Parforceritt durch fünf Themen prallten Meinungen aufeinander – der Umgang war aber betont wertschätzend. Hier die wichtigsten Statements der Kontrahenten.

Streitgespräch; Screenshot: Go-to-Webinar/Die Bayerische

Vernetzten sich zum vorweihnachtlichen Streitgespräch: Axel Kleinlein und Dr. Herbert Schneidemann. Screenshot: Go-to-Webinar/Die Bayerische

Das sonstige Fernduell in einen direkten Austausch zu wandeln, war das erklärte Ziel von Dr. Marc Surminski zu Beginn des virtuellen Schlagabtauschs am Freitag. „Aber nicht wie in der ersten TV-Debatte vor der US-Wahl!“, bat der Chefredakteur der Zeitschrift für Versicherungswesen scherzhaft. Seine anfängliche Befürchtung, eine Diskussion mit Axel Kleinlein und Dr. Herbert Schneidemann könne den Moderator vor eine solche Herausforderung stellen wie das entgleiste Wortgefecht von Donald Trump und Joe Biden, bestätigte sich nicht. Im Gegenteil – die Stimmung mutete überwiegend vorweihnachtlich-friedlich an, am Ende bedankten sich die Diskutanten beieinander für den Austausch und gelobten, in Kontakt zu bleiben und die Gegenseite auch künftig anzuhören. Aber von vorn.

Im Auftakt ging es erst einmal um Zahlen: 20 Lebensversicherer hat die BaFin unter näherer Aufsicht, da sie die Solvency-II-Kennzahlen nicht ausreichend erfüllen. Kleinlein plädiert hier für ein noch strengeres Vorgehen, das weitere Szenarien einschließt: "Vor ein paar Jahren haben Aktuare noch nicht daran geglaubt, dass der Zins mal unter zwei Prozent rutschen könnte – inzwischen haben wir aber Negeativzinsen. In der Versicherungswirtschaft wird sich oft verkalkuliert. Wir können Übergangsszenarien nicht ausblenden und so tun, als sei die Welt in zehn Jahren wieder in Ordnung.", kritisierte er. Das Hauptproblem der Lebensversicherer sieht Kleinlein im „legalen Betrug“ bei der Überschussbeteiligung. Die Versicherungswirtschaft sei hier nie zur Fairness bereit gewesen, so die bittere Unterstellung.

1. Thema ZZR: Welche Rolle spielt sie für die Finanzstärke?

Dann ging es los mit dem Thema Zinszusatzreserve. Noch zu Beginn dieses Jahres hatte die Rating-Agentur Assekurata prognostiziert, dass die Lebensversicherer der ZZR in diesem Jahr zwischen neun und elf Milliarden Euro zuführen müssen. Corona hatte zuletzt allen Optimismus zunichte gemacht – nun geht man vom oberen Ende der Spanne, also satten elf Milliarden, aus. Die Statements der Diskutanten dazu:

Dr. Herbert Schneidemann: „Die ZZR erfüllt ihre Funktion voll. Statt höher rentierliche Anlagen zu verbraten, legen wir sie zurück. Kein Kunde hat dadurch bisher einen Cent verloren. In der Niedrigzinsphase ist der Ausgleich im Kollektiv wertvoller denn je. Angesichts einer Zahl von elf Milliarden in diesem Jahr und allein 160 Millionen Eigenkapital, spielt die ZZR eine große Rolle.“

Kleinlein: „Diese Zahl von 160 Millionen ist entscheidend – denn im Vergleich zu diesem Eigenkapital ist das dafür verwendete Kundengeld doppelt so hoch. Das ist kein faires System. Die ZZR ist ein Medikament, das den Patienten tötet, wenn es ihm am schlechtesten geht, nämlich dann, wenn die Zinsen am niedrigsten sind. Die Branche hat das nicht mehr im Griff. In diesem Jahr haben die Pensionskassen die Grätsche gemacht – ich fürchte, dass das im nächsten Jahr die Lebensversicherer trifft.“

Schneidemann konterte: Reiche das Jahresergebnis nicht aus, würden die Versicherer die Differenz aus Eigenkapital bestreiten. Den Kunden gehe dank der Überschussbeteiligung nichts verloren. Und die Patientenmetapher lasse den gegenteiligen Schluss zu: Statt wie in früheren Zeiten erst in Bedrängnis einer vollen Deckungsrückstellung zu geraten, fange man mit der ZZR an, rechtzeitig an Reserven aufzubauen. „Sie haben entgegen Ihrer Absicht also das beste Plädoyer für die ZZR geliefert, Herr Kleinlein“, freute sich der Bayerische-Chef.

2. Kontroverse zum Langlebigkeitsrisiko

Dem Bund der Versicherten schon lange ein Dorn im Auge sind die Berechnungen vieler Lebensversicherer zur prognostizierten durchschnittlichen Lebenserwartung. Teils müssten Versicherte ein Alter von weit über hundert Jahren erreichen, um tatsächlich zu profitieren, so der Vorwurf.

Kleinlein: "Wenn von einem Batzen Geld ausgehend eine lebenslange Rente finanziert werden soll, stellt das Versicherungsmathematiker natürlich vor eine Herausforderung. Und da die Versicherungswirtschaft Angst hat, ins Risiko zu gehen, plant sie einen zu großem Sicherheitspuffer ein. Aber wer eine durchschnittliche Lebenserwartung von 120 Jahren veranschlagt, treibt Schindluder. Ausstehende Renten der entsprechend jünger Verstorbenen werden dann als Risikogewinne verbucht, um gleichen Zinskalkulationsfehler auszugleichen. Diese Gewinnquelle zur Vertuschung eigener Fehler ist in meinen Augen eine Sauerei.“

Wie ein geforderter „angemessener Puffer“ auszusehen habe, konnte Kleinlein derweil nicht sagen. Er blieb vage: „Lebensversicherer können Invalidität und den Todesfall absichern. Sparvorgänge abzusichern, gehört nicht zu ihren Stärken."

Schneidemann hatte offensichtlich Mühe das Argument, die Lebenszeit sei zu hoch angesetzt, zu entkräften. Er relativierte: „Studien zufolge leben Menschen oft mehr als sieben Jahre länger als sie selbst schätzen würden. Jede Generation lebt im Schnitt zwölf Jahre länger als die der Großeltern. Die Lebenserwartung höher zu bemessen, ist vielleicht nicht verkehrt.“

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3. Thema Run-off: Kann der Policenabverkauf ein sinnvolles Instrument sein?

Kleinlein: „Im Prinzip schon – aber nur bei einem fairen Umgang. Ich beobachte, dass die Kundeninteressen oft nicht mehr im Fokus stehen, wenn Bestände verkauft werden. Daher sollte ihnen ein Sonder-Kündigungsrecht eingeräumt werden.“

Schneidemann: „Wir müssen klar zwischen internem und externem Run-off differenzieren. Ich gebe Herrn Kleinlein darin recht, dass es im Falle eines externen Run-offs besonders darauf ankommt, transparent mit Risiken umzugehen, um zu vermeiden, dass Bestände ausgepresst werden.“

Eine Gefahr sieht Schneidemann darin, dass die zunehmende Konkurrenz zwischen den Run-off-Anbietern die Preise für Bestände immer weiter nach oben schraubt. Von procontra gefragt, wie seine kritische Sicht auf die Abwickler mit der Tatsache vereinbar ist, dass der Anbieter Athora der Lebensversicherer ist, der für 2021 die höchste Überschussbeteiligung anbietet, wich Kleinlein aber eher aus. Man müsse genau in die Zahlen schauen, bei den Run-Off-Gesellschaften trenne sich nun die Spreu vom Weizen. Ein generelles Problem sieht er in diesem Geschäft in einer schlechteren Servicequalität. „So schön das gerade bei Athora auch aussieht – ich glaube nicht, dass die Strategie nachhaltig aufgeht.“

4. Vermittlervergütung: Braucht es den Deckel?

Kleinlein: „Die Vermittler-Provisionen sind in den vergangenen Jahren zu stark gestiegen, das ist nicht zu rechtfertigen. Leider schafft es die Versicherungswirtschaft aber nicht, eine angemessene Regelung zu treffen und sich selbst zu disziplinieren. Daher wird sich die nächste Bundesregierung mit dem Provisionsdeckel in der Lebensversicherung befassen müssen.“

Schneidemann: „Provisionsexzesse sind nicht die Regel, sondern durch wenige schwarze Schafe verursachte Ausnahmen. Zuletzt sind die Anforderungen ab Beratung höher geworden, das auszugleichen ist nur legitim und sozial.“

Bei diesem Thema geriet Kleinlein am Ende der Diskussion dann doch noch ein wenig in Rage: Es sei eben nicht sozial, weil Vermittler besonders hohe Provisionen für besonders kundenunfreundliche Verträge einstrichen, monierte er: „Das Problem sind aber nicht die Vermittler, sondern die schlechten Produkte der Versicherer“, schimpfte er.

5. Wie sehen die Zukunftsvisionen zur Altersvorsorge aus?

Um einen Blick in die Kristallkugel bat Surminski ganz am Schluss: „Wo stehen wir in fünf Jahren beim Thema Altersvorsorge?“

Kleinlein: „2021 wird ein Schicksalsjahr für die Altersvorsorge, im Verlauf der Krise und der Niedrigzinspolitik muss die Lebensversicherungsbranche beweisen, dass sie resilient ist. Und dann gibt es noch die Bundestagswahl. Es wird extrem spannend zu sehen, wie sich die gesetzliche Rentenversicherung je nach Konstellation und Unionsvorsitz entwickeln wird.“

Schneidemann hielt es derweil knapper und optimistischer: „Ich bin mir sicher, dass wir in fünf Jahren sehen werden, dass die Lebensversicherung gut durch die Krisenzeit gekommen ist.“ Und mit diesem frommen Wunsch endete das adventliche Streitgespräch.

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