BDI-Präsident pocht auf Anhebung des Renteneintrittsalters

Die Ampelparteien hatten sich darauf geeinigt, das Renteneintrittsalter nicht anzuheben. Dagegen argumentiert nun der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Und er ist damit nicht allein. Über eine neu entfachte Debatte.

Die Debatte um die Anhebung des Renteneintrittsalters geht in die nächste Runde: Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), spricht sich dafür aus, dass das Thema seitens der Politik wieder auf die Agenda gehoben wird: „Die Politik will keine längere Lebensarbeitszeit, will keine Sozialversicherungsbeiträge über 40 Prozent, will das Rentenniveau auf mindestens 48 Prozent halten - die Gleichung geht nicht auf“, so Russwurm in einem Interview mit der Funke Mediengruppe.

Im Koalitionsvertrag der Ampelparteien heißt es hingegen: „Es wird keine Rentenkürzungen und keine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters geben.“ Russwurm plädiert entschieden dafür, dieses Versprechen noch einmal zu überdenken. Um Deutschland als Wirtschaftsstandort zukunftsfest zu machen, sei neben der gezielten Einwanderung von Fachkräften die Anpassung der Lebensarbeitszeit eine Stellschraube. „Eine verlängerte Arbeitszeit sollte nicht weiterhin von der Politik ausgeschlossen werden", so der BDI-Präsident.

Experten fordern immer wieder, das Renteneintrittsalter an die gestiegene Lebenserwartung anzupassen: „Bis auf 70 Jahre ab 2052 ließe sich der Beitragsanstieg (…) bremsen und gleichzeitig das Sicherungsniveau stabilisieren“, so die Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dazu raten, die Altersgrenze für den Rentenbeginn sukzessive zu erhöhen. Mit einer Erhöhung des Rentenalters auf „nur“ 68 Jahre ab 2040 wäre das Rentenniveau dauerhaft nicht zu halten.

Andere Länder wie die Niederlande passen den Beginn des Ruhestands bereits jetzt schon an die Lebenserwartung an: Udo Müller, Principal bei der Unternehmensberatung Mercer Deutschland, ist überzeugt, dass unser Nachbarland deswegen auch besser im internationalen Vergleich der Altersvorsorgesysteme abschneidet: „Die Niederlande haben ein deutlich höheres Rating, weil sie das Renteneintrittsalter automatisch an die Lebenserwartung anpassen. Es gibt gar keine Diskussion mehr darüber, da ist es einfach Fakt: wenn die Lebenserwartung steigt, steigt auch der Renteneintritt“, sagte der Unternehmensberater kürzlich in einer Diskussionsrunde des Deutschen Instituts für Altersvorsorge.

Anhebung des Renteneintrittsalters nicht förderlich

Arbeitnehmernahe Verbände aber auch der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, sehen die Anhebung des Renteneintrittsalters hingegen kritisch. „Die Erhöhung des Renteneintrittsalters würde nicht auf einen Schlag eingeführt, sondern gestaffelt. Es würde bei der jetzigen Fachkräftesituation gar nicht helfen“, so Scheele gegenüber der Funke Mediengruppe.

In der Vergangenheit hatte bereits der Sozialverband VdK gewarnt, eine Anhebung des Renteneintrittsalters könnte die soziale Spaltung im Land sogar noch verschärfen: Eine Studie im Auftrag des Sozialverbands VdK habe gezeigt, dass Gutverdiener im Schnitt knapp fünf Jahre länger leben als Geringverdiener. Menschen der untersten Einkommensgruppe haben demnach eine Lebenserwartung von 82,6 Jahren, während Arbeitnehmer mit dem höchsten Einkommen auf 87,5 Jahre kommen. Die Lebenserwartung hängt also eng mit Beruf und Einkommen zusammen.

Der VdK warnte deswegen vor einer pauschalen Erhöhung des Renteneintrittsalters. Gerade wer in körperlich oder psychisch herausfordernden Berufen arbeite, könne nicht noch länger arbeiten. Geht diese Bevölkerungsgruppe dann eher in Rente als vorgesehen, müsste sie Abschläge in Kauf nehmen. „Wird das Renteneintrittsalter erhöht, benachteiligt sie das doppelt: Zum einen bekommen sie deutlich geringere Renten. Zum anderen beziehen sie diese aufgrund ihrer geringeren Lebenserwartung erheblich kürzer“, so VdK-Präsidentin Bentele.

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