Betriebliche Pflegeversicherung: „Der sozialpolitische Hebel ist groß“

Das Defizit in der gesetzlichen Pflegeversicherung ist groß. Private Zusatzpolicen schließt trotzdem kaum jemand ab. Sind betriebliche Absicherungsmodelle eine Alternative? Stefan Reker, Geschäftsführer des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV), bezieht dazu im procontra-Interview Position.

procontra: Die Lage in der gesetzlichen Pflegeversicherung ist dramatisch: Im laufenden Jahr ist von einem Defizit von 3,5 Milliarden Euro auszugehen und die Eigenanteile steigen weiter. Private Pflegezusatzpolicen werden trotzdem kaum nachgefragt. Warum?

Stefan Reker: Politische Debatten haben Einfluss auf das Verhalten der Menschen. So war 2012/2013 die Nachfrage nach privatem Pflegezusatz hoch, damals war der Pflege-Bahr im politischen Fokus. Die Diskussionen führten dazu, dass die Menschen ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, dass es eine Pflegelücke gibt und dass sie selbst vorsorgen müssen. Später, unter den Ministern Hermann Gröhe und Jens Spahn, gab es einen politischen Schwenk. Es wurde die Erwartung geweckt, dass die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung ausgeweitet werden und dieses „Vater Staat wird sich kümmern“ hat dazu geführt, dass sich der Trend zur privaten Vorsorge abgeschwächt hat.

procontra: Also steht und fällt die Nachfrage allein mit den politischen Debatten?

Stefan Reker: Nein. Man würde es sich zu leicht machen, wenn man den schwarzen Peter nur der Politik zuschiebt. Tatsächlich verdrängt jeder einzelne von uns das Pflegerisiko ganz gern und denkt nicht daran, irgendwann mal alt und klapprig zu sein. Erst wenn die Einschläge näherkommen, wächst das Bewusstsein für die Vorsorge.

procontra: Nun sind seit dem vergangenen Jahr zwei Modelle der betrieblichen Pflegeversicherung auf dem Markt. Kann die betriebliche Lösung die Versorgungslücke besser schließen als eine private Absicherung?

Stefan Reker: Dazu ein paar Zahlen: Bei der privaten Pflegezusatzversicherung hatten wir Ende 2021 im Vergleich zu 2020 einen Zuwachs von 14 Prozent. Dieser Zuwachs resultierte maßgeblich aus der betrieblichen Pflegezusatzversicherung CareFlex. Die betriebliche Lösung ist also ein sehr vielversprechendes Mittel. CareFlex hat in kürzester Zeit 400.000 Arbeitnehmer versichert – und auf einen Schlag mehr bewegt als die komplette Versicherungswirtschaft in mehreren Jahren. Das zeigt, wie groß der sozialpolitische Hebel ist. Hinzu kommt: Der Arbeitgeber kann seine Mitarbeiter an sich binden, es gibt keine individuellen Gesundheitsprüfungen. Eine Win-Win-Situation.

procontra: Sollte betriebliche Pflegevorsorge also stärker gefördert werden?

Stefan Reker: Ja, da gibt es schon politischen Gestaltungsbedarf. So sind beispielsweise die bestehenden Steuerfreibeträge bei den Arbeitgebern durch andere betriebliche Sozialleistungen, wie Jobtickets, ausgeschöpft. Da könnte man mehr tun. Aber der Ruf nach staatlichen Zuschüssen ist nicht unser Hauptanliegen. Wir wollen, dass der Weg dafür geebnet wird, dass möglichst viel über betriebliche Vorsorge möglich ist – CareFlex ist da ein wunderbares Vorbild.