procontra: Hat die versicherungsförmige bAV in einem anhaltenden Niedrigzinsumfeld überhaupt noch eine Chance? Die Kunden bekommen doch keine Rendite mehr, die den Namen verdient!
Niebuhr: Auch nach Absenkung des Höchstrechnungszinses bietet nur eine versicherungsförmig ausgestaltete bAV die Garantie auf eine lebenslang stabile Rente sowie die Absicherung elementarer Lebensrisiken. Ein abgesenktes Garantieniveau schafft Freiräume in der Kapitalanlage und eröffnet Renditechancen, was eine höhere Kapitalleistung zum Renteneintritt und damit auch eine höhere Rentenleistung ermöglicht. Neue Garantiemodelle können auch in Zeiten niedriger Zinsen die Altersvorsorge von Millionen Versicherten nachhaltig sichern – umso wünschenswerter wäre es, wenn der Gesetzgeber derartige Modelle auch für die bAV rechtlich legitimieren würde, beispielsweise durch die Absenkung des Garantieniveaus in der Beitragszusage mit Mindestleistung (BZML).
procontra: Bisher lässt sich die Politik aber nicht auf eine Abschwächung der Garantie bei der weit verbreiteten Beitragszusage BZML ein. Damit gerät diese Zusageart ins Abseits. Eine beitragsorientierte Leistungszusage (BoLZ) könnte in die Bresche springen. Woran fehlt es noch, die BoLZ in der Breite zu etablieren?
Niebuhr: Die Zusage-Arten BZML und BoLZ standen für die versicherungsförmige bAV bislang gleichwertig zur Verfügung und konnten bei richtiger Gestaltung der arbeitsrechtlichen Unterlagen gleichermaßen rechtssicher zugesagt und passgenau finanziert werden. Sofern der Gesetzgeber bei der BZML nicht nachbessern sollte, wird sich das Angebot zunehmend auf die BoLZ verlagern, die nach unserer Einschätzung schon heute die dominierende Zusageart in der bAV und seit vielen Jahren in zahlreichen Tarifverträgen und Branchenwerken fest etabliert ist.
procontra: Welche Garantiehöhe halten Sie bei einer BoLZ für angemessen?
Niebuhr: Für ein ausgewogenes Verhältnis von Sicherheit und Renditechancen einer ertragsorientierten Kapitalanlage halte ich bei der BoLZ ein Garantieniveau von 80 bis 90 Prozent der gezahlten Beiträge für vernünftig.
Seite 1: Wie die Politik die BZML ins Abseits stelltSeite 2: Warum die BoLZ mehr Freiheit bei der Kapitalanlage erlaubt
procontra: Wäre strategisch für die bAV angesichts dauerhafter Niedrigzinsen nicht eine reine Beitragszusage der Problemlöser Nr. 1, da sie unabhängig von der Zinspolitik der Notenbanken funktioniert? Wie lässt sich dort Sicherheit und Rendite gut austarieren?
Niebuhr: Aktuellen Studien zufolge wünschen sich Mitarbeiter weiterhin vor allem eine sichere Altersversorgung, und diese Sicherheit wird meist mit Garantien assoziiert. Dass eine bAV ganz ohne Garantien durchaus zielführend sein kann, ist eine hohe kommunikative Hürde, wie die bisherige Zurückhaltung etwa im Zusammenhang mit dem Sozialpartnermodell zeigt. Eine gut austarierte Balance von Sicherheit und Rendite lässt sich aus unserer Sicht sehr gut im bestehenden Rahmen der BoLZ umsetzen, insbesondere wenn es auch um die Absicherung zusätzlicher biometrischer Risiken wie etwa der Absicherung gegen Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit geht.
procontra: Wie sieht die Strategie zu mehr chancenorientierter Kapitalanlage in der bAV derzeit bei Ihnen aus? Wie wächst bei Ihnen der Anteil von Immobilien, Aktien und Fonds sowie „Sonstiges“ im bAV-Portfolio?
Niebuhr: Das andauernde Niedrigzinsumfeld erfordert die Erwirtschaftung einer angemessenen Mehrrendite über Staatsanleihen hinaus, was wir über moderate Erhöhungen der Kreditrisiken in den Portfolien unserer bAV-Versicherer erreichen. Durch Diversifikation über Regionen, Währungen, Ratings und unterschiedliche Anlageklassen wie Unternehmensanleihen verbessern wir so auch kontinuierlich unser Risikoprofil. Einen wesentlichen Teil der Neu- und Wiederanlage legen wir sachwertorientiert an. Gerade hier können wir attraktive Illiquiditätsprämien vereinnahmen, die zu den langlaufenden Anforderungen des Geschäftsmodells der bAV passen.
procontra: Was muss sich nach der Bundestagswahl ändern, um die bAV (samt Riester-Rente) als politisch gewollte Ergänzung zur gesetzlichen Rente nicht weiter zu schwächen?
Niebuhr: Die bAV ist mit ihren fünf Durchführungswegen und inzwischen vier Zusage-Arten bereits ein hoch komplexes Gebilde. Da Altersversorgung, insbesondere über die Betriebe, langfristige Planungssicherheit erfordert, darf auf keinen Fall in jeder Legislaturperiode das Rad neu erfunden werden. Wir brauchen dennoch sehr schnell Verlässlichkeit hinsichtlich der Garantiehöhen in der BZML.
Seite 1: Wie die Politik die BZML ins Abseits stelltSeite 2: Warum die BoLZ mehr Freiheit bei der Kapitalanlage erlaubt

