Durch Angst vor Preisanstieg: Inflationsrate könnte weiter ansteigen

Aus Sicht von Ökonomen könnte das aktuelle Inflationshoch durch die Erwartungen der Menschen weiter steigen. Es droht die klassische Lohn-Preis-Spirale.

Die Inflation hat einen Rekordwert erreicht: Im September lag sie bei 4,1 Prozent – und ist damit so hoch wie seit knapp 28 Jahren nicht mehr. Aus Sicht von Ökonomen könnte die Angst vor steigenden Preisen diese Entwicklung weiter verstärken und die Inflationsrate künftig noch mehr in die Höhe treiben. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) werden die Verbraucherpreise derzeit vor allem von vorübergehenden Effekten angetrieben, die im kommenden Jahr aber auslaufen dürften. DIW-Ökonomin Kerstin Bernoth warnt jedoch: „Gefahr droht von den Erwartungen.“  

„Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung“

Die Begründung der Studienautorin: Gehen Verbraucher und Unternehmen davon aus, dass die Preise weiter steigen, tendieren Menschen dazu, Käufe vorzuziehen und höhere Löhne zu fordern. „Die Unternehmen wiederum werden auf ihre Preise aufschlagen, wenn sie damit rechnen, höhere Löhne und höhere Erzeugerpreise zahlen zu müssen“, erklärt Bernoth. Dadurch würde eine klassische Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt, die weniger auf tatsächlichen strukturellen Faktoren als auf einer psychologischen Dynamik basiere. „Höhere Inflationserwartungen könnten dann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden und die tatsächliche Inflation ankurbeln." 

Studien-Autorin Bernoth und Autor Gökhan Ider gehen davon aus, dass der aktuelle sprunghafte Inflationsanstieg im Euroraum vor allem auf einmalige Maßnahmen zurückzuführen ist, beispielsweise auf die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkungen in Deutschland oder den Anstieg der Energiepreise nach dem Einbruch während der Corona-Krise 2020. Hinzu kommen Lieferengpässe, die aktuell die Kosten in der Produktion hochtreiben. In den jüngsten Inflationsdaten machen sich allerdings mehrere Sondereffekte bemerkbar. So wurde der Warenkorb, anhand dessen die Inflationsrate berechnet wird, infolge der Pandemie neu gewichtet: Ausgaben für Reisen und Restaurantbesuche fielen bei der Berechnung beispielsweise weniger ins Gewicht, Ausgaben für Nahrungsmittel dagegen stärker. Dadurch sind kurzfristige Verzerrungen möglich.

Die DIW-Forscher prognostizieren, dass die Inflation noch mehrere Monate hoch bleibt, sich aber abschwächt, wenn die temporären Effekte nachlassen. Sie weisen darauf hin, dass die Inflation bei Dienstleistungen im gemeinsamen Währungsraum weiter bei unter einem Prozent liege. Dienstleistungen machen zwei Drittel der Kerninflationsrate – ohne Preise für Lebensmittel und Energie – aus. Auch die klassischen Inflationstreiber Lohndruck und Konsum würden sich bisher moderat entwickeln.  

Die milliardenschweren Konjunkturpakete der Euro-Länder würden zwar moderat zur Inflation beitragen, wirken sich aber, so die Studienautoren, nur temporär auf die Geldentwertung aus. 

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