Hohe Nachfrage nach betrieblichen Pflegeversicherungen

Die finanzielle Situation in der Pflegeversicherung wird immer dramatischer. Eine Lösung könnten betrieblichen Pflegeversicherungen sein. Erste Zahlen von Careflex und Hallescher Versicherungen machen Hoffnung – doch die Branche fordert Hilfestellung.

Der jüngste Richterspruch aus Karlsruhe sorgt dafür, dass die Pflegeversicherung, beziehungsweise deren Finanzierung, komplett auf den Prüfstand gestellt werden soll. Ende Mai hatte das Bundesverfassungsgericht der Politik einen Tadel verpasst: Es könne nicht sein, dass die Zahl der Kinder bei den Beiträgen zur Pflegeversicherung überhaupt nicht berücksichtigt werde, monierten die Richter.  

Bis Ende Juli ist die Bundesregierung nun aufgefordert, die Pflegeversicherung familienfreundlicher zu gestalten, beispielsweise in Form von, je nach Kinderzahl, gestaffelten Beiträgen. Für die FDP ist das Urteil zugleich ein Ansporn, die gesamte Überprüfung der gesetzlichen Pflegeversicherung einmal in Augenschein zu nehmen. „Das System muss ja auch in Zukunft bei weiter steigenden Ausgaben finanzierbar sein“, erklärte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Lukas Köhler gegenüber der „Bild“.  

Milliardendefizit

Die finanzielle Lage der Pflegeversicherung ist eine der drängendsten Aufgaben für Minister Karl Lauterbach. Monat für Monat laufe derzeit ein Minus von 400 Millionen Euro auf, aufs Jahr gerechnet wird ein Defizit in Höhe von 3,5 Milliarden Euro erwartet, erklärte die Vorstandsvorsitzende des AOK Bundesverbandes, Carola Reimann, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.  

An Beitragserhöhungen – die Rede ist hier von bis zu 0,3 Prozentpunkten – führt offenbar kaum noch ein Weg vorbei. Die Alternative sind weiter steigende Steuerzuschüsse – angesichts der Schuldenbremse, auf deren Einhaltung die FDP pocht, dürfte diese aber in Konkurrenz zu anderen Staatszielen treten. Die Bundesregierung müsste sich also entscheiden, ob sie das ihr zur Verfügung stehende Geld in die Pflegeversicherung oder die Bekämpfung des Klimawandels stecken wolle.  

Auch für die Versicherten macht sich das Problem in immer höher steigenden Eigenanteilen bemerkbar. Wer so pflegebedürftig ist, dass er ins Heim muss, zahlt im Bundesdurchschnitt mittlerweile 2.179 Euro aus eigener Tasche – regional kann es noch wesentlich teurer werden. Die jüngste Pflegereform dürfte hieran kaum was ändern – denn sie gewährt lediglich Zuschüsse zu den reinen Pflegekosten. Kosten für die Unterbringung, die Verpflegung und für Investitionen des Pflegeheims zahlt der Pflegebedürftige also weiter allein.  

Verhängnisvolle Botschaft

Zwar könnte man sich mit einer privaten Pflegezusatzversicherung gegen dieses finanzielle Risiko absichern. Nur: Es macht kaum jemand. Staatlich-geförderte Pflegezusatzpolicen wie der sogenannte Pflege-Bahr hinken den in sie gesetzten Erwartungen weit hinterher – auch aufgrund der seitens der Politik vermittelten Botschaften, glaubt Timm Genett, Geschäftsführer Politik beim PKV-Verband. „Es wurde in den vergangenen Jahren eine Rundum-Sorgenlos-Botschaft verbreitet“, kritisierte Genett während eines Pressegesprächs des Verbands. Stattdessen wünscht er sich, dass die Politik das Bewusstsein für das Pflege-Risiko schärft. Und für mögliche Lösungen.  

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Eine besonders vielversprechende Lösung liegt aus Sicht der Versicherer in der betrieblichen Pflegeversicherung. Der Versicherungsschutz erfolgt hierbei also über die Firma – für den Versicherungsnehmer bedeutet das zusätzliche Schutz vor dem Pflegerisiko, der Arbeitgeber kann mit der Extraleistung – wie schon mit der bAV und der bKV – im Wettstreit um die begehrten Fachkräfte punkten.  

Noch ist das Angebot am Markt übersichtlich, doch immer mehr Anbieter entwickeln entsprechende Lösungen. Am bekanntesten ist sicherlich CareFlex, die erste tarifvertraglich vereinbarte, arbeitgeberfinanzierte Pflegezusatzversicherung für die Angestellten der Chemie- und Pharmabranche, die seit Juli vergangenen Jahres in Kraft ist. Pflegebedürftige bekommen hier im Fall einer stationären Pflege insgesamt 1.000 Euro ausgezahlt, wodurch sich der Eigenanteil merklich senken lässt. Per Zusatzmodul können zudem die Leistungen aufgestockt und Familienmitglieder mitversichert werden.  

463.000 Beschäftigte über CareFlex versichert

Ein Angebot, das offenbar gut ankommt. „Bisher nehmen 1.177 Unternehmen an dem Angebot teil, 463.000 Beschäftigte haben sich dem Gruppenvertrag bislang angeschlossen“, berichtet Andrea Pichottka, Geschäftsführerin der zur Bergbau- und Chemie-Gewerkschaft gehörenden IG BCE Bonusagentur. Ein Viertel der Beschäftigten würde sich nach Beratung auch dafür entscheiden, den Vertrag leistungstechnisch aufzustocken. Insgesamt 105.000 telefonische Beratungen seien bereits durchgeführt worden. „Das zeigt den hohen Beratungsbedarf“, so Pichottka.  

Zukünftig solle das Modell auch für die übrigen, von der Gewerkschaft vertretenden Branchen, eingeführt werden. Darüber hinaus haben auch andere Gewerkschaften, beispielsweise aus der Milchindustrie und von den Eisenbahnern, Interesse am bestehenden Modell signalisiert. Ein Modell, das also Schule machen könnte.  

Schutz für Angehörige

Seit einem Jahr gibt es auch Feelfree-Versicherung der Halleschen. Auch diese ist über den Arbeitgeber abschließbar und bietet nicht nur Pflegeschutz für den Angestellten selbst, sondern auch für deren Angehörige. „Angehörige sind der größte Pflegedienst der Nation“, betont Vorstandsmitglied Wildtrud Pekarek – sie springen in der Regel ein, wenn ein Familienmitglied Pflege benötigt. Um diese zu entlasten, bietet die Versicherungslösung der Halleschen den Versicherten nicht nur Assistance-Leistungen, sondern zahlt im Leistungsfall auch ein Pflegebudget bis zu – je nach Absicherungsgrad – 900 Euro aus. Auch dieses Produkt scheint bislang vom Markt gut angenommen zu werden. Laut Pekarek bestehen mittlerweile Gruppenversicherungsverträge für eine fünfstellige Anzahl von Arbeitnehmern.  

Auch wenn betriebliche Pflegelösungen zuletzt deutlich an Fahrt gewonnen haben, wünschten sich die Gesprächsteilnehmer übergreifend Unterstützung seitens der Politik. „Wenn die Politik die betriebliche Pflegeversicherung fördern würde, würden sich auch mehr Menschen und Arbeitgeber für das Produkt interessieren“, zeigt sich Genett überzeugt. Pekarek ergänzt: „Eine eigene staatliche Förderung betrieblicher Pflegelösungen, zum Beispiel einen eigenen Durchführungsweg analog der bAV, würde es mehr Arbeitgebern ermöglichen, dieses starke Instrument nutzen zu können.“ Zwar könnten Unternehmen Sachleistungen bis zu 50 Euro von den Betriebsausgaben absetzen – die Sachbezugsgrenze würden jedoch schon durch Leistungen wie beispielsweise Tankgutscheine erreicht werden. Entsprechend sind folgerichtig andere Lösungen gefragt.

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