procontra: Seit 2011 waren Sie mit kurzer Unterbrechung Vorstandssprecher des BdV gewesen. Stehen die Verbraucher in Versicherungsfragen Ihrer Meinung nach heute besser da als damals?
Axel Kleinlein: Das ist eine schwierige Frage, weil sich die Versicherungswelt in den vergangenen Jahren stark geändert hat. Die Gesetzeslage hat sich – insbesondere im Lebensversicherungsbereich – aus Verbrauchersicht deutlich verschlechtert. Man denke nur an das Lebensversicherungsreformgesetz oder die Zinszusatzreserve. Das waren bittere Einschläge. Die neue Produktlandschaft ist sehr intransparent und bietet nur wenige Vor-, dafür umso mehr Nachteile für die Kunden. Wir konnten zwar als Verbraucherschützer den einen oder anderen positiven Akzent setzen, dennoch haben wir bei diesem Hase-Igel-Spiel mit den Lebensversicherern nicht wirklich Land gewonnen.
procontra: Welche positiven Akzente sehen Sie denn als besonderen Erfolg?
Kleinlein: Ich glaube, dass das Thema Verbraucherschutz an Bedeutung gewonnen hat – in der Branche selbst, aber auch in der Politik gibt es mittlerweile eine größere Sensibilität für das Thema. Die größten Duftmarken konnten wir dabei sicherlich auf europäischer Ebene setzen, beispielsweise bei der IDD oder Solvency II.
procontra: In welcher Hinsicht hätten Sie gerne mehr erreicht?
Kleinlein: Ich hätte mir auf jeden Fall einen Kostendeckel gewünscht. Das gleiche gilt für transparentere Lebensversicherungsprodukte und einen faireren Umgang mit den Kunden. Es ist bedauerlich, dass man, um etwas Positives für die Verbraucher zu erreichen, immer erst die Gerichte bemühen muss. Ich wünsche mir auch weiterhin mehr Nachhaltigkeit in der Produktlandschaft, insbesondere bei den Lebensversicherern. Die Produktlandschaft, wie wir sie heute vorfinden, ist nichts, was auf Jahrzehnte hinaus Bestand haben kann. In der Politik heißt es, dass stets nur auf 4-Jahres-Sicht geschaut wird. Bei vielen Versicherungsvorständen habe ich den Eindruck, dass die Zeiträume noch kürzer sind.
procontra: Worauf spielen Sie an?
Kleinlein: Man denke nur an Produkte wie eine Mehrtopf-Index-Police. Die versteht schon zum Zeitpunkt, zu dem sie verkauft wird, kaum jemand. Da bin ich mir ziemlich sicher, dass es in zehn Jahren nicht mehr genügend Menschen gibt, die diese Produkte nachvollziehen und diese entsprechend auch sauber führen können. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren ein echtes Feuerwerk an neuen Tarifentwicklungen erlebt – fast schon im Jahresrhythmus sind zuletzt neue Tarife aufgelegt worden. Die Heerscharen an Mathematikern, die es bräuchte, um diese Tarife zu führen, sehe ich hingegen nicht. Darum glaube ich, dass das noch zu einem riesigen Problem für die Unternehmen werden wird.
procontra: Eine gewisse Konstanz hat ja ihre Kritik an der Riester-Rente. Warum ist diese Debatte so ein Dauerbrenner?
Kleinlein: Die Riester-Rente hat zwar mittlerweile im Neugeschäft keine Bedeutung mehr, aber sie ist letztlich immer noch ein politisches Prestige-Objekt. Der Name allein steht ja schon symbolisch für die damalige rote-grüne Koalition – entsprechend tun sich die beteiligten Parteien natürlich schwer einzugestehen, dass dieses Projekt letztlich gescheitert ist. Es entsteht bei den Politikern fast so etwas wie ein Pawlowscher Reflex, sobald es um die Riester-Rente geht.
procontra: Erneut hat die Bundesregierung in den Koalitionsvertrag geschrieben, sie wolle prüfen, wie es mit der geförderten Altersvorsorge weitergehen soll. Auf welches Ergebnis hoffen Sie?
Kleinlein: Ich würde in erster Linie auf eine Entscheidung hoffen. Es ist schließlich nicht die erste Bundesregierung, die sich einen Prüfauftrag in den Koalitionsvertrag geschrieben hat. Leider stellt man doch einen gewissen Entscheidungsunwillen fest, der damit für alle Beteiligten ein Problem darstellt: Die Versicherungsbranche weiß nicht, worauf sie sich einstellen kann, die Vermittlerschaft weiß auch nicht, wohin es geht und auch der Kunde wird, was die eigene Altersvorsorge angeht, vollkommen im Nebel gelassen.
Seite 1: "Der Kunde wird vollkommen im Nebel gelassen"Seite 2: "Schnittmengen mit den Vermittlern finden"
procontra: Vorschläge für eine Reformierung der geförderten Altersvorsorge gibt es ja genug. Welcher wären es aus Ihrer Sicht Wert, umgesetzt zu werden?
Kleinlein: Ich persönlich denke, dass die Riester-Rente in ihrer jetzigen Form gestoppt werden sollte. Wir brauchen ein Modell mit mehr Flexibilität, wie beispielsweise die vom BdV vorgeschlagene Basisdepotvorsorge. Jede Form der Altersvorsorge kann dann gefördert werden, keine wird, wie derzeit die Versicherungen, privilegiert. Bei der Fördersystematik könnte ich mir auch gut vorstellen, dass das bisherige Riester-System adaptiert wird.
procontra: Sie sprechen im Zusammenhang mit Lebensversicherungen ja gerne vom legalen Betrug – sprich: Die Versicherer halten die bestehenden Regeln ein. Muss man als Verband folglich nicht gegen den Gesetzgeber stärker vorgehen?
Kleinlein: Es geht nicht darum, gegen die Regierung zu arbeiten, sondern diese mit guten Argumenten zu überzeugen. Gute Lobbyarbeit ist für den Verbraucherschutz entscheidend. Allerdings fällt es uns schwer, mit der Lobbyarbeit der Versicherer mitzuhalten, dafür ist sie viel zu stark aufgestellt.
procontra: Sie sagen selbst von sich, gerne zu provozieren. Bei unseren Lesern – nimmt man die Reaktionen auf Artikel mit Ihnen zum Maßstab – scheint das zu funktionieren. Sowohl Verbraucherschützer als auch Makler stehen aber im Lager des Kunden. Braucht es diese Konfrontation?
Kleinlein: Ich sehe die Makler beziehungsweise Vermittler nicht als Gegner. Problematisch sind aus meiner Sicht im Dreieck aus Endkunden, Vermittlern und Versicherern letztere, die schließlich für die Intransparenz und schlechten Produkte verantwortlich sind. Wenn es nur schlechte Produkte gibt, können die Vermittler auch nur diese vertreiben. Darum sind wir schon eher bestrebt, Schnittmengen mit den Vermittlern zu finden als einen Konfrontationskurs einzuschlagen.
procontra: In welchem Bereich sehen Sie die größten Herausforderungen für Ihren Nachfolger Stephen Rehmke?
Kleinlein: Im Bereich der Lebensversicherungen sind das sicherlich die Einführung eines Kostendeckels sowie die Frage, wie es mit der geförderten Altersvorsorge weitergehen wird. Im Bereich der Sachversicherung wird die Frage entscheidend, wie Elementarschäden künftig versichert werden können – auch, weil die Klimarisiken weiter zunehmen werden. Und auch in der privaten Krankenversicherung sehe ich großen Reformbedarf.
procontra: Was meinen Sie genau?
Kleinlein: Hier muss es beispielsweise um das Thema Beitragsanpassungen gehen. Auch braucht es aufgrund des steigenden finanziellen Drucks für viele eine Alternative für die Basistarife. Neue Lösungen sind gefragt. Und wir sehen auch, dass die Versicherer bereit sind, sich zu bewegen.
procontra: Sie selbst wollen sich ja nicht zu einem Versicherer bewegen, das haben Sie schon ausgeschlossen. Wo geht stattdessen Ihre Reise hin?
Kleinlein: Ich möchte zukünftig stärker inhaltlich und weniger organisatorisch arbeiten. Ich hatte vor meiner Tätigkeit für den BdV mit „Math Concepts“ bereits ein kleines versicherungsmathematisches Büro, mit dem ich unter anderem die „10 Jahre Riester“-Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt habe. Hier möchte ich wieder ansetzen. Ich kann aber versprechen, dass ich meinen kritischen Blick auf die Branche behalte.
Seite 1: "Der Kunde wird vollkommen im Nebel gelassen"Seite 2: "Schnittmengen mit den Vermittlern finden"


