procontra: Schwellenländer sind sehr differenziert und verändern sich rasch. Was sind für Sie die wichtigsten Punkte bei der Beobachtung von Emerging Markets, um den Überblick zu behalten?
Mark Mobius: Einer der wichtigsten Punkte derzeit ist zu beobachten, was in China passiert. Denn die chinesische Regierung hat vor kurzem bei den großen Internetfirmen im Land durchgegriffen, um sie stärker zu regulieren. (Die Marktregulierungsbehörde SAMR hat im August Regierungsvorschläge veröffentlicht, die auf eine deutlich stärkere Regulierung des Sektors abzielen. Anm.d.R.) Die Aktienkurse dieser Unternehmen sind daraufhin deutlich gesunken, was sich auf den Emerging-Marktes-Index ausgewirkt hat. China hat in dem Index einen großen Anteil. Mit einem nachgebenden Emerging-Markets-Index entsteht eine verhaltene Marktstimmung gegenüber Schwellenländern insgesamt. Natürlich gibt es aber außer China viele andere Schwellenländer, die zudem recht gut unterwegs sind. Ein weiterer wichtiger aktueller Punkt sind die Spannungen zwischen den USA und China.
procontra: Was sind die wichtigsten Merkmale, die ein Schwellenland erfüllen muss, damit Sie dort in ein Unternehmen investieren?
Mobius: Der wichtigste Punkt ist die Devisenkontrolle. Andernfalls könnten wir weder Geld in einen Markt hineingeben, noch herausbekommen. Das ist ein sehr wichtiger Teil im gesamten Investmentprozess in Schwellenländer. Ein weiterer Punkt zu beachten sind politische Probleme oder ein schwieriges Umfeld. Wenn wir aber eine gute Firma finden, die fähig ist, in einem solchen Markt effektiv zu funktionieren, investieren wir auch. Dann können wir damit umgehen. Manchmal erscheint ein Land etwas unsicher, etwa Südafrika. In den USA zum Beispiel betonen viele Beobachter, dass es dort viele Probleme gebe. Zahlreiche Unternehmen dort funktionieren jedoch und verdienen Geld – sogar unter schwierigen Bedingungen.
procontra: Ist es nicht schon einmal passiert, dass Sie dachten, ein Unternehmen entwickle sich in einem problematischen Umfeld gut, dann aber eine plötzliche politische Entscheidung oder ähnliches kam und Sie doch nicht mehr investiert haben?
Mobius: Es gibt Fälle, in denen Regierungen gravierende Änderungen in der Regulierung vornehmen. Ein Beispiel war vor kurzem ebenfalls in China zu beobachten, als die Regierung entschieden hat, gegen das intensive Lernen nach der Schule vorzugehen. Unternehmen, die in diesem Bereich aktiv sind, sind davon natürlich getroffen worden. Wer dort investiert war, kann mit den sinkenden Aktienkursen nach dieser Änderung einiges an Kapital verlieren.
procontra: Viele Aspekte spielen beim Erstellen eines Risiko-Rendite-Profils einer Investition hinein. Wie gehen Sie dies an, vor allem bei einem möglichen unberechenbaren politischen Einfluss auf Unternehmen in einigen Ländern und den niedrigen Zinsen, die den Aktienmarkt und andere Märkte antreiben und sie so verzerren?
Mobius: Sie haben in jedem Markt Probleme, egal ob es ein sich entwickelnder Markt ist oder ein entwickelter Markt. Auch wenn es eine Aufsichtsbehörde gibt, können Sie Problemen nicht entkommen. Ein gutes Beispiel dafür in Deutschland ist Wirecard. Die Aufsicht hat die Firma noch verteidigt, als sie schon in großen Schwierigkeiten steckte. Unser Job als Manager ist zu versuchen, soetwas im eigenen Portfolio zu vermeiden. Wir gehen daher sehr tief in den Hintergrund und die Historie einer Firma und deren Manager. Aus diesem Grund limitieren wir auch die Anzahl der Firmen in unseren Portfolios.
procontra: Gibt es denn keinen markanten Unterschied zwischen Emerging Marktes und Industrieländern, den Sie nennen würden?
Mobius: In Schwellenländern gibt es eine Tendenz zu mehr Volatilität an den Märkten. Volatilität kann einem helfen und natürlich auch schaden. Das Gute daran ist: Sie können oft Aktien sehr günstig bekommen, auch, weil sie häufig nicht sehr bekannt sind. Das ist der Grund, warum wir nach mittelgroßen und kleinen Unternehmen in Emerging Markets Ausschau halten.
procontra: Was sind die konkreten Zahlen, auf die Sie vor allem achten?
Mobius: Als erstes achten wir auf den Verlauf des Ertragswachstums. Hat ein Unternehmen ein stetiges Ertragswachstum pro Aktie? Das zweite ist die Bilanz. Ist das Unternehmen hoch verschuldet oder haben sie viel Cash? Ist die Bilanz insgesamt stark oder schwach? Das Dritte ist die Profitabilität. Wie ist die Kapitalrendite? Wie hoch ist die Gewinnspanne? Sie suchen natürlich nach Unternehmen mit hohen Gewinnspannen. Bezogen auf die reinen Zahlen sind das die Schlüsselwerte, auf die wir achten. Die Qualität und die Fähigkeit des Managements sind aber der allerwichtigste Punkt.
Seite 1: Was sind für Sie die wichtigsten Punkte bei der Beobachtung von Emerging Markets? Seite 2: Wie bemessen Sie die künftige Kapitalrendite eines Unternehmens?
procontra: Um die künftige Entwicklung einer Firma einzuschätzen, fokussieren Sie sich wegen der anhaltend niedrigen Zinsen auf die Kapitalrendite und nicht mehr auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Das habe mit den niedrigen Zinsen seine Bedeutung verloren, sagen Sie. Wie bemessen Sie die künftige Kapitalrendite?
Mobius: Zum Blick in die Zukunft gibt es ein Zitat: „Was vergangen ist, ist Prolog“. Sie müssen sich für den Blick nach vorn immer die Vergangenheit anschauen. Und sie müssen sich hierbei auch die Branche anschauen, in der eine Firma aktiv ist. Ist es zum Beispiel eine Branche, die wächst? Sie können also nur betrachten, was die Vergangenheit gebracht hat und versuchen, daraus bestmöglich abzuleiten, was zu erwarten ist. Das ist für jeden eine große Herausforderung. Niemand kennt die Zukunft, niemand kann Erträge akkurat voraussagen.
procontra: Sie versuchen also, aus den Daten der Vergangenheit Ertragszahlen in die Zukunft zu projizieren.
Mobius: Das machen wir immer. Wir schauen immer, was die nächsten fünf Jahre für eine Firma bringen könnten. Wenn Erträge in den vergangenen fünf Jahren tendenziell gesunken sind, ist es kein gutes Zeichen. Wenn die Profitabilität gesunken ist, ist es ebenso kein gutes Zeichen. Und wenn die Bilanz schwach ist, ist das auch kein gutes Signal.
procontra: Sie investieren nach eigener Aussage nur in nachhaltige Unternehmen, die zudem eine positive Firmenkultur pflegen. Sie nennen es ESG plus C. Dies kann jedoch ein großer Konfliktherd sein, etwa in der Frage, wie dies konkret umgesetzt werden soll und wer dabei die Entscheidungen trifft – das Unternehmen oder der Investor. Wie gehen Sie mit der Macht als Investor gerade bei kleineren Unternehmen um?
Mobius: Wir fragen die Manager, ob sie mit uns auf eine kooperative Weise zusammenarbeiten möchten, um sich zu verbessern. Wenn eine Firma so mit Ihnen zusammenarbeiten möchte, ist es viel einfacher, dies auch umzusetzen. Wir investieren nicht, wenn sich ein Unternehmen in diesen Bereichen nicht engagieren möchte und nicht demonstriert, dass es gewillt ist, das zu tun.
procontra: Bei der Analyse von Unternehmen sei es am schwierigsten, das Management zu verstehen und einzuschätzen, meinen Sie. Jemand könne sich Bilanzen und alle Arten von Berichten ansehen, aber nur wenn er einen Einblick in das Management bekäme, könne er wirklich erfolgreich investieren. Ein anderer Fondsmanager sagte mir jedoch, dass Manager alles tun und sagen könnten, um bei Meetings einen guten Eindruck zu hinterlassen und daher harte und nachprüfbare Zahlen über mehrere Jahre letztlich zuverlässiger seien. Ist das nicht ein überzeugendes Argument?
Mobius: Es ist keine Frage, dass das Management lügen und schummeln kann. Der einzige Weg, dem zu begegnen, ist, sich den Hintergrund des Managements genau anzuschauen. Das zweite ist, nachzuhören, was Konkurrenten über die Firma sagen. Oft hören Sie, dass sie ein Unternehmen sehr bewundern. Das ist natürlich ein gutes Zeichen. Wenn ein Konkurrent aber sagt, dass etwas nicht ganz in Ordnung zu sein scheint, müssen Sie anfangen, Fragen zu stellen. Ein wichtiger Hinweis ist außerdem, ob die Manager auf ESG plus C achten.
procontra: Die Sharpe Ratio, die Höhe der risikobereinigten Rendite, liegt bei dem Mobius Emerging Markets Fund für das laufende Jahr bis Ende Juli 2021 bei drei Punkten. Seit Auflage des Fonds im November 2018 liegt sie jedoch bei niedrigen 0,7 Punkten. Das Risiko ausgedrückt in Volatilität ist damit etwas höher als die Rendite, die der Fonds mit diesem Risikograd erzielt hat. Was sind die Ursachen hierfür?
Mobius: Wir haben die Strategie ja erst Ende 2018 begonnen und mussten zunächst einmal etwas Geduld haben, bevor wir Zugang zu allen Märkten hatten. Die ersten 18 Monate würde ich als Aufbauphase charakterisieren, was man nicht unterschätzen darf. Außerdem verfolgen wir eine langfristige und recht konzentrierte Strategie, was beinhaltet, dass wir in unentdeckte und eher kleinere Firmen investieren. Auch hier braucht es Geduld und einen längerfristigen Blick. Jetzt nach drei Jahren sehen wir, wie „unsere“ Firmen Fortschritte gerade auch in Hinblick auf ESG machen. Ende vergangenen Jahres etwa sind drei dieser Firmen in den Dow Jones Sustainability Emerging Markets Index aufgenommen worden. Alles in allem hat die Auswahl der Titel sehr solide Resultate erzielt; die Gesamtperformance des Portfolios ist mit die beste in der Vergleichsgruppe.
procontra: Wie können Finanzberater und auch Privatanleger als deren Kunden am besten einen verlässlichen Überblick bekommen über Emerging Markets? Wie können Sie die Informationen prüfen?
Mobius: Lernen Sie so viel Sie können über die einzelnen Länder. Das erfordert natürlich auch, nicht alles unkritisch für gegeben zu nehmen, was Sie lesen. Zeitungen zum Beispiel tendieren häufig zu Übertreibungen. Lernen Sie außerdem so viel wie möglich über die einzelnen Unternehmen. Sie können sich außerdem anschauen, wo zum Beispiel deutsche Firmen investieren. Wo investiert Volkswagen, wo investiert Daimler? Viele Unternehmen aus Industrieländern sind in Emerging Markets vertreten, weil sie dort enormes Wachstum sehen.
Seite 1: Was sind für Sie die wichtigsten Punkte bei der Beobachtung von Emerging Markets? Seite 2: Wie bemessen Sie die künftige Kapitalrendite eines Unternehmens?
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