procontra: Herr Isler, wie kommt ein Versicherungsmakler auf das Seenotrettungsschiff „Alan Kurdi“?
Gorden Isler: Seit November 2016 habe ich nun an fünf Missionen teilgenommen. Mein kaufmännisches Know-How stelle ich bereits seit vielen Jahren verschiedenen Hilfsorganisationen zur Verfügung. Seit eineinhalb Jahren bin ich als Vorstand bei Sea-Eye in der Verantwortung und kümmere mich ums Fundraising. Als Versicherungsmakler kümmere ich mich um meine Kundinnen und Kunden. Bei Sea-Eye um die Spenderinnen und Spender.
procontra: Was machen Sie genau auf dem Schiff?
Isler: Meine Rolle auf dieser Mission war es Einsatzleiter zu sein. Der Einsatzleiter unterstützt den Kapitän in allen Belangen, die über den gewöhnlichen Schiffsbetrieb hinausgehen. Meine Aufgabe war es, den Bordalltag zu organisieren, Suchmuster im Einsatzgebiet festzulegen, mit den Behörden zu kommunizieren, einen sicheren Hafen zu beschaffen und die Öffentlichkeitsarbeit mit unserem Medienteam an Land zu koordinieren.
procontra: Warum ist Ihr Einsatz und der anderer Seenotretter wichtig?
Isler: Nun, wir haben zwei Boote gefunden, nach denen niemand aktiv sucht, obgleich jedermann weiss, dass es in diesen Seegebieten regelmäßig zu Seenotfällen kommt. So fanden wir ein Schlauchboot mit 65 Menschen, die niemand hätte finden können. Sie irrten ohne Navigationshilfen oder GPS-Telefon auf dem Mittelmeer umher. Unter ihnen 39 Minderjährige. Sie wären einfach gestorben. Ich hab das oft auf meinen Missionen erlebt, dass wir Menschen fanden, die niemand sonst gefunden hätte. Weil inzwischen auch niemand mehr nach ihnen suchen mag.
procontra: Manche Menschen werfen Ihnen vor, mit Ihrem Einsatz die Arbeit der Schlepper zu unterstützen und durch Ihre Präsenz im Mittelmeer nur noch mehr Menschen in die Flucht und in den Tod zu treiben. Wie stehen Sie zu diesen Vorwürfen?
Isler: Das ist wie mit dem Klimawandel. Die Wissenschaftler sagen, es gibt den Klimawandel und die Wissenschaftler sagen, dass es keine Beweise dafür gibt, dass Migranten oder Flüchtlinge sich an der Anwesenheit der wenigen, zivilen Rettungsschiffe orientieren. In beiden Fällen verfangen sich eigentlich nur noch Politiker in Diskussionen über diese sogenannten Pull-Faktoren.
Bewiesen ist allerdings, dass die Abwesenheit von Rettungsschiffen zu einem Anstieg der Mortalität führt. Eigentlich ganz logisch. Die Menschen werden von Europa angezogen und nicht von rostigen, älteren Rettungsschiffen, die wir gerade einmal gut sechs Mal im Jahr ins Einsatzgebiet entsenden können. Übrigens: 92 Prozent der Menschen, die in diesem Jahr in Italien angekommen sind, wurden nicht von NGOs (Anm. d. Red.: NGO = Nichtregierungsorganisationen, also private Seenotretter wie Sea-Eye) gerettet. Wer bitte trägt nun dafür die Schuld?
Gorden Isler vom Hamburger Maklerbüro fairvendo ist Vorsitzender des privaten Regensburger Seenotrettungsvereins Sea-Eye e.V. Er und die restliche Crew der „Alan Kurdi“ sind aktuell auf dem Heimweg, nachdem sie allein im Juli 109 Menschen aus Seenot gerettet haben. In wenigen Wochen soll das Schiff schon wieder auslaufen. procontra möchte Sea-Eye bei dieser wichtigen Aufgabe durch das Sammeln von Spenden unterstützen. Dafür haben wir auf Facebook eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Beispielsweise ermöglichen 106 Euro der „Alan Kurdi“ eine Einsatzstunde auf See.
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procontra: Der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete könnte nach dem nicht genehmigten Anlegen in Italien eine mehrjährige Haftstrafe drohen. Haben Sie Angst vor einer Festnahme?
Isler: Nein. Ich glaube an die Unabhängigkeit der italienischen Justiz. Carola hat das Gesetz auf ihrer Seite. Deshalb ist sie ja auch auf freiem Fuß. Ärgerlich sind die Prozesskosten. Ein Verfahren in Italien ist sehr teuer. Die Kosten trägt die Beschuldigte auch dann, wenn sie freigesprochen wird. Genau das schreckt Kapitäne und Einsatzleiter ab und darum geht es. Egal ob du recht hast, du zahlst die Kosten.
procontra: Greifen eigentlich alle Ihre Versicherungen, wenn Ihnen bei Ihrem Einsatz auf See etwas zustößt (z.B. PKV oder BU) oder Sie Rechtsschutz benötigen?
Isler: Ich habe eine Rechtsschutzversicherung mit erweitertem Strafrechtsschutz. Mein Versicherer bestätigte mir, dass ich bei dem Vorwurf einer Straftat abgesichert bin und der Versicherungsschutz nur dann entfällt, wenn ich verurteilt werde. Davor habe ich aber keine Angst. Meine PKV, meine BU und meine Risikolebensversicherungen greifen auch. Menschen in internationalen Gewässern vor dem Ertrinken zu retten ist kein Ausschlussgrund. Außerdem habe ich zusätzlichen, freiwilligen Versicherungsschutz bei der BG-Verkehr beantragt. Das machen bei uns inzwischen alle Crewmitglieder.
procontra-Spendenaktion für Sea-Eye auf Facebook.
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procontra: Wer betreut denn in Ihrer Abwesenheit Ihre Kunden? Rechnen Sie durch Ihren Einsatz mit hohen Umsatzeinbußen?
Isler: Wenn ich auf See bin, kann ich nicht arbeiten, klar. Aber meine Kollegen betreuen meine Kundinnen und Kunden. Sie stehen hinter dem was ich tue und tragen mein Engagement. Ich habe noch viele Jahre Zeit, mehr Geld zu verdienen. Meine Aufgaben bei Sea-Eye sind für mich genauso wichtig, auch wenn ich dafür keine Entlohnung bekomme. Man kann nicht alle Probleme dieser Welt mit Geld lösen.
procontra: Wie reagieren Ihre Kunden und Kollegen in der Versicherungsbranche auf Ihr Engagement?
Isler: Es gibt ausschließlich positive Reaktionen. Vermutlich schweigen die Kunden, denen es nicht gefällt? Ich bekam viele E-Mails und SMS. Viele Kunden spenden und stellen Fragen. Ich hole dieses schwierige Thema nun auch in ihr Leben, weil sie einen dieser Seenotretter kennen.
Meine Kollegen in der Firma unterstützen mich. Ansonsten bekomme ich von anderen Kollegen wenig Feedback. Einige wenige kommen mir mit der Pull-Faktoren-These und lehnen es ab, sich wissenschaftliche Studien anzusehen. Sie wollen zum Selbstschutz unbedingt weiter daran glauben, dass Rettungskräfte Leid verursachen, statt es zu lindern. Ich gebe da sehr schnell nach, weil ich kein Missionar bin. Ich konzentriere mich auf Menschen, die mir Kraft geben und nicht auf jene, die sie mir nehmen wollen.
procontra: Kennen Sie noch mehr Menschen aus der Versicherungsbranche, die sich aktiv an der Seenotrettung beteiligen?
Isler: Bei Sea-Eye gibt es tatsächlich einige Versicherungskaufleute, die an Missionen teilgenommen haben. Insgesamt müssten sich viel mehr von uns Schlipsträgern aufraffen und begreifen, dass wir Fähigkeiten haben, die von Hilfsorganisationen unterschiedlichster Art gebraucht werden können. Allein die Fähigkeit Menschen anzusprechen, Spenderinnen und Spender zu gewinnen oder ohne Scheu den Telefonhörer anzuheben, um jemanden anzurufen und ein Problem zu lösen, das täte vielen NGOs gut.
procontra: Die Versicherungsbranche steht im Kern dafür, Menschen vor Schaden zu bewahren. Sollte sich die Branche aus Ihrer Sicht mehr dafür einsetzen, Menschen vor dem Ertrinken zu retten? Falls ja, was könnte sie tun?
Isler: Nun, im Prinzip liegt das ja nahe beieinander. Vielen Versicherungsmaklern ist vermutlich gar nicht klar, wie sozial unser Beruf sein kann und wie wichtig es ist, dass wir keine Fehler machen. Wie hoch die Verantwortung für die Menschen ist, die sich uns anvertrauen. Es liegt eigentlich so nahe, dass man sozialen Fragen gegenüber offen ist. Letztlich versichern Versicherer unsere Schiffe, unsere Rettungsboote, unsere Crews und auch unsere Vorstände. Ich weiß aber zu wenig über das Engagement meiner Branchenkollegen. Man kann das vermutlich nicht am Beruf festmachen. Es ist eine Frage der Haltung. Die hat man, oder man hat sie eben nicht.
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