Lebensversicherung: „Allen Unternehmen wäre mit einer Provisions- und Kostenbegrenzung gedient"
Über die Zukunft der Riester-Rente wird derzeit viel diskutiert – vor allem deshalb, weil das Verhalten der Politiker unverständlich erscheint. Damit die Lebensversicherer die Riester-Rente weiterhin als Neugeschäft anbieten können, müsste man in Berlin die 100-prozentige Garantie der eingezahlten Beiträge lockern. Das haben Verbände bereits vielfach gefordert. Versicherer zeigen sich zudem unzufrieden mit der Umgangsweise der politischen Führung mit dem Thema Riester.
Sollte die Riester-Rente tatsächlich scheitern, so würde hierzulande deutlich mehr kaputtgehen als „nur“ die staatlich geförderte Altersvorsorge. Das findet Professor Dr. Hermann Weinmann vom Institut für Finanzwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. An was für einem wichtigen Scheidweg sich die Lebensversicherung aktuell befindet, hat der Betriebswirtschaftler nun für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Versicherungswesen (ZfV) in einem Arbeitspapier zusammengefasst.
„Dilettantische Umsetzung“
Darin nimmt Weinmann vor allem die Politiker in die Verantwortung, ganz speziell auch die Vertreter der Opposition. Diese sollten nicht immer neue Teilkonzepte für die Riester-Rente entwerfen, sondern vielmehr Vorschläge für die festgefahrene Situation unterbreiten. Alle Politiker hätten Verantwortung für das System, an dem es, aus Sicht des Professors, vor allem einen zentralen Missstand zu beseitigen gibt: Zu hohe Kosten für Vertrieb und Verwaltung. „Wenn Jahr für Jahr fünfzehn bis fünfundzwanzig Prozent der Versicherten-Beiträge für Betriebskosten anfallen, wie bei einigen Lebensversicherern, dann bedarf dies der Diskussion“, schreibt Weinmann.
Zwar habe die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) in den vergangenen Jahren die Notwendigkeit eines Provisionsdeckels in der Lebensversicherung mit Berechnungen belegt und quasi um eine Begrenzung der Abschlussprovisionen gebettelt. Die Koalitionsparteien seien aber unfähig gewesen, sich zu einigen und letztendlich habe die Wirecard-Affäre die Bafin mundtot gemacht. Das Problem sei damit – und erst recht nicht mit einem Provisionsdeckel-Kompromiss für die Restschuldversicherung – aber nicht aus der Welt geschafft, findet Weinmann. „Die Idee hinter der Riester-Rente war richtig, die Umsetzung im Laufe der Jahre dilettantisch.“ Gegenüber procontra erklärte Weinmann heute: "Man hätte sehr viel früher auf die Kapitalanlageproblematik, die damit verbundene Garantieproblematik und die Kostenproblematik reagieren können."
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Konkret gebe es marktschwache Lebensversicherer, die an Vermittler hohe Provisionen ausloben müssten, um überhaupt Vertragszuwächse erzielen zu können, beschreibt Weinmann. Diese seien teilweise auch von Vergleichsportalen abhängig, die maximale Provisionsinteressen verträten. Ein Spiel, dass aus Weinmanns Sicht vor dem Hintergrund nachlassender Solvabilitätsquoten nicht ewig so weitergehen könne. Die demographische Entwicklung kann überdies den Provisionskrieg weiter vorantreiben, weil Renten länger gezahlt werden müssen und weniger potenzielle Neukunden nachkommen. „Allen Unternehmen wäre mit einer Provisions- und Kostenbegrenzung gedient“, findet Weinmann.
Er wolle allerdings kein Vermittler-Bashing betreiben, sagte der Wirtschaftswissenschaftler heute auf procontra-Nachfrage. "Grundsätzlich geht es mir weniger um die Provisionen als vielmehr um die Kosten. Ich erkenne durchaus die Vermittlerleistung an und sehe die Hauptverantwortung in den Unternehmen und nicht bei dem einzelnen Vermittler."
Außerdem sei nun die Politik gefordert, eine komplexe Lösung zu finden. Sie dürfe sich nicht ins Abseits stellen, indem sie die Anbieter ungestört gewähren lässt. „Scheitert die Riester-Rente, dann ist die Akzeptanz für die gesamte Lebensversicherung in der Bevölkerung gefährdet“, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler in seinem Fachbeitrag. Im Falle eines solchen Negativ-Szenarios würden beispielsweise auch institutionelle Investitionen durch die Versicherer gegen den Klimawandel geringer ausfallen.
Deutschland bereit für aktienbasierte private Altersvorsorge
Im Hinblick auf zukunftsfähige Formen der Altersvorsorge findet Weinmann, dass der Staat nicht selbst mit einem Staatsfonds wirtschaften, sondern vielmehr einen Rahmen vorgeben sollte, innerhalb dessen sich die Akteure bewegen könnten. In Deutschland würde derzeit aber speziell in der Lebensversicherung zu viel aus dem Rahmen fallen.
Vorschläge, wie etwa einen kleinen Teil des Beitrags zur gesetzlichen Rentenversicherung in eine Aktienrente fließen zu lassen, dürften die deutschen Wähler nicht überzeugen. Für vorstellbar hält Weinmann dagegen eine ergänzende Altersvorsorge aller Bevölkerungsschichten mit Aktien. Nach der verkorksten Situation im Zinsbereich erscheine ihm Deutschland bereit für ein aktienbasierte private Altersvorsorge.
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