Nachhaltige Immobilien: Wer löst endlich die Handbremse?

Die Schaffung von bezahlbarem und klimaneutralem Wohnraum ist eine Herkulesaufgabe. Die Versicherungsbranche bringt sich hier als Investor ins Spiel. Doch dafür bräuchte es eine Entbürkratisierung des Baurechts, fordern Bayerische-Vorstand Martin Gräfer und Pangaea-Life-Geschäftsführer Daniel Regensburger in ihrem Gastkommentar.

78 Leitz-Ordner für einen Bauantrag, 8 Jahre für einen fixen Bebauungsplan. Bauen in Deutschland - das ist wie ein Faultier auf Baldrian. Dabei wäre Tempo nötiger denn je. Deutsche Metropolen melden weiterhin akuten Wohnraummangel, Menschen leiden unter explodierenden Mietkosten. Über all dem schwebt die Klimakrise. Auf 38 Prozent aller CO2-Emissionen berechnet die UNO den Anteil der globalen Bauwirtschaft.

Beim nachhaltigen Immobilienbau dürfen wir keine Zeit verlieren. Doch um die Vision klimaneutraler und sozial gerechterer Städte zu erreichen, gilt es endlich die deutsche Bürokratie-Handbremse zu lösen. Denn Kapitalgeber stehen gemeinsam mit ihren Kunden zur Finanzierung eines nachhaltigen urbanen Wandels in den Startlöchern.

Vorbild in Oranje

Deutschland quält sich und seine Bürger mit ellenlangen Bauvorschriften, zähen Antragsprozessen und 16 verschiedenen Landesbauordnungen. Währenddessen zeigen unsere holländischen Nachbarn schon länger was möglich wäre, wenn wir unseren Bauvorschriften-Dschungel nur ein wenig lichten: günstigeres und schnelleres Bauen, mehr Angebot und dadurch preiswerterer Wohnraum.  

Vereinheitlichung, Entschlackung, Transparenz und eine gehörige Portion Pragmatismus: Das sind die Hauptzutaten für den holländischen Erfolgsweg. Sogenannte „Omgevingswet“ (zu Deutsch: Umgebungsgesetze) fixieren für alle Gemeinden, wo gebaut werden darf und was die übergeordneten Ziele weiterer Bauaktivitäten sind. Jeder Bürger kann diese digital und transparent abrufen. Langwierige einzelne Baugenehmigungsverfahren, in denen sich Behörden und Bauherren unzählige Male die Bälle hin und her spielen, sind damit passé.

Den Bauantrag selbst reichen Bauherren dann digital über eine einzige zentrale Plattform ein, wobei das System automatisch prüft, ob alle Bauvorschriften eingehalten werden – zum Beispiel in punkto Lärmschutz. Dass ein Bauprojekt in Köln die Brandschutzanforderungen erfüllt, die in München aber plötzlich nicht mehr gelten – zwischen Groningen und Eindhoven undenkbar.

Hinzu kommt eine sympathisch-pragmatische Herangehensweise was Ausnahmen betrifft: Sind sich alle Beteiligten einig, dass in einer Gemeinde beispielsweise mehr bezahlbarer Wohnraum entstehen soll, passen unsere holländischen Nachbarn eine hinderliche Lärmschutz-Grenze einfach gemeinsam an. Und bauen drauf los – während der gleiche Sachverhalt in Deutschland ein Bauvorhaben schnell ad infinitum verzögert.

Bahn frei für nachhaltige Immobilieninvestoren

Um den Megatrend Urbanisierung in menschen- und umweltfreundliche Bahnen zu lenken, rückt der international anerkannte Immobilien-Berufsverband RICS folgende Aspekte in den Mittelpunkt: Bezahlbarer Wohnraum, Verkehr, Klima und sozialer Zusammenhalt. 

Wie wir diese Aspekte vereinen? Die RICS-Experten unterbreiten Vorschläge. Darunter: Innovative Immobilien mit einer funktionalen und sozialen Durchmischung, eine intelligente Verdichtung für mehr bezahlbaren Wohnraum in urbanen Lagen und ein optimierter Ressourcenverbrauch.

Menschen, die den Bau nachhaltiger Immobilien für die Städte der Zukunft vorantreiben möchten, gibt es genug. Auch die Versicherungsbranche hat die Chance erkannt den Wandel aktiv mitzugestalten. Die Bayerische selbst investiert zum Beispiel über Pangaea Life gemeinsam mit Kunden im Rahmen des Fonds „Blue Living“ genau in solche Sachwerte: Wohnquartiere in deutschen Metropolen, mit hoher Energieeffizienz, Kita-Plätzen, Mischnutzung, E-Mobility-Konzepten, gefördertem Wohnraum, fußläufiger ÖPNV-Anbindung und vielem mehr. Damit lassen wir Menschen teilhaben an der Entwicklung der Urbanität der Zukunft - und erwirtschaften zugleich eine kontinuierliche Rendite auf nachhaltiger Basis. 

Doch damit nachhaltige Investoren den Booster zünden können und wir auch in Deutschland endlich genügend bezahlbaren Wohnraum im Einklang mit den Bedürfnissen unseres Planeten schaffen, brauchen wir ein Umdenken: Das wohl bürokratischste Baurecht der Welt hält den Erfordernissen unserer Zeit schon lange nicht mehr Stand. Nehmen wir uns ein Beispiel an unseren Nachbarn. Ersetzen wir bürokratischen-Starrsinn durch Flexibilität, Regel-Wirrwarr durch transparente, einheitliche und vor allem digitale Lösungen. Sorgen wir mit etwas weniger Regulierung dafür, dass nachhaltige Innovationen eine schnelle Chance auf Umsetzung haben. Lösen wir die Handbremse gemeinsam. Jetzt.