Die Inflation liegt aktuell im Euroraum bei 3,0 Prozent, in Deutschland sogar bei 3,4 Prozent, gemessen am harmonisierten Verbraucherpreisindex. Das ist der höchste Wert seit 13 Jahren, und er dürfte bis zum Jahresende zunächst weiter steigen, glaubt die Ökonomin Isabel Schnabel, Mitglied des EZB-Direktoriums. Damit sinkt die Kaufkraft weiter und schmälert die inflationsbereinigten Löhne und Zinserträge. Die Bundesbank erwartet bis zum Jahresende sogar eine Inflationsrate „in Richtung 5 Prozent“.
Laut Schnabel sei die Inflation im Moment vor allem deshalb so hoch, weil sie im Vorjahr so niedrig war. Es handele sich also um ein temporäres Problem. Man kann das glauben oder nicht, doch die Folgen für sicherheitsbewusste Kapitalanleger, Altersvorsorger und deren Berater sind angesichts sehr niedriger Nominalzinsen und 0,25 Prozent Rechnungszins für Rentenversicherungen ab 2022 alles andere als rosig. Selbst der Rückenwind für Aktien, den viele Ökonomen dadurch bestärkt sehen, würde sich bei 5,0 Prozent Inflationsrate stark relativieren.
Wer mit der Inflation flirtet …
Selbst institutionelle Kapitalanleger wie Versicherer, Pensionskassen und -fonds sind nicht zu beneiden. Sie müssen das Inflationsrisiko jetzt womöglich neu bewerten und absichern. In der bAV etwa bedeutet eine um ein Prozent höhere Inflation womöglich zehn bis 15 Prozent höhere Auszahlungen, wobei die Experten der DWS schon eine Inflationsannahme von 1,5 bis 1,7 Prozent unterstellen, um die Verbindlichkeiten von Pensionsplänen realistisch abbilden zu können. Eine „höhere Inflation lässt den Barwert jedoch sprunghaft ansteigen“, sagt Rene Penzler, Managing Director bei DWS, der Pensions-Fachzeitschrift „Tactical Advantage“.
Im Mittelpunkt der Kritik steht seit langem die EZB, die mit ihrer Null- und Negativzinspolitik die Sparer und jene, die Altersvorsorge betreiben, schleichend enteignet. Der Ökonom Martin Hellwig (72), emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre und Ex-Direktor am Max-Planck-Institut, hält diese These für falsch und argumentierte entsprechend in der FAZ: Die von der EZB verhängten Niedrigzinsen beträfen zunächst einmal nicht die Privatkunden, sondern die Banken, die die Niedrigzinsen nicht aus Zwang, sondern aus eigenem Antrieb weitergeben, so Hellwig. Zudem könne die EZB nicht die Realzinssätze bestimmen, also die Überschüsse der Nominalzinssätze über den Inflationsraten. Für die Zinsen könne man die EZB nicht verantwortlich machen, meint er.
Dieser Sichtweise widersprechen die Professoren Paul Kirchhof, ehemaliger Verfassungsrichter, und Hans-Werner Sinn (73), Ex-Präsident des Ifo-Instituts München, vehement. Sie verlangen, die EZB-Politik zu korrigieren. Sinn setzte sich zudem in der FAZ mit Hellwigs Verteidigung der EZB-Politik kritisch auseinander. „Die EZB hatte sehr wohl die Macht, die Zinsen null und negativ werden zu lassen, denn sie hat den Einlagensatz auf minus 0,5 Prozent gesetzt, und sie verleiht Geld zu Null- und Negativzinsen, die bis zu einem Wert von minus 1,0 Prozent reichen“, erinnert der Ökonom.
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Hans-Werner Sinn: Schuld liegt bei der EZB
Der Zins auf dem europäischen Interbankenmarkt (EONIA) folge dem Einlagensatz empirisch fast perfekt. Es stehe völlig außer Frage, dass die EZB die Marktzinsen auf dem Interbankenmarkt, die letztlich bis zu den Bankkunden durchschlagen, durch die von ihr direkt festgesetzten Zinsen völlig in der Hand hat, betont Sinn in der FAZ.
Tatsächlich begann der Zinsverfall schon weit vor Gründung der EZB 1998, nämlich zwanzig Jahre vorher auf einem Zinsgipfel, um die seinerzeit üblichen Zinssätze von 17 Prozent einzudämmen. Die seither erfolgte „Zinsmoderation“ vieler Zentralbanken führte laut Sinn zu „enteignungsgleichen Aktionen“, an denen auch die EZB seit ihrer Gründung mitgewirkt habe.
Beunruhigende Ausweitung der Geldmenge
In Relation zur Wirtschaftsleistung im Euro-Raum habe die EZB die Zentralbankgeldmenge bis Mitte dieses Jahres auf 59 Prozent hochgetrieben, vor allem durch Käufe von Staatspapieren, die in den Bilanzen des Eurosystems bei mindestens 3,8 Billionen Euro liegen. Die gesamte Zentralbankgeldmenge schätzt Hans-Werner Sinn auf etwa sechs Billionen Euro. Zum Vergleich: Zur Finanzkrise 2008 lag der Wert noch bei lediglich 880 Milliarden Euro, also einem Siebtel des aktuellen Wertes. „Die massiven Staatspapierkäufe zeugen von einer Intervention der EZB in das Marktgeschehen, die man nur als atemberaubend bezeichnen kann, sagte Sinn der FAZ.
Doch nicht nur die Zinsen wurden durch die allgemeine Geldpolitik der EZB gesenkt, auch die länderspezifischen Risikoprämien in den Zinsen habe die Zentralbank „weitgehend eliminiert“ und mit dem OMT-Programm 2012 sogar eine Kreditausfallversicherung eingeführt. Folge: Konkursgefährdete Länder der Eurozone bekommen seither Kredite billiger, als die Kapitalmärkte es wollten, kritisiert Sinn. Dafür habe die EZB die Bürger Europas ungefragt und kompensationslos in die Haftung für Kreditausfälle genommen.
Ohne Risiken nichts mehr für Sparer zu holen
Fazit: Sparer bekommen nur noch den Zins für sichere Anlagen (null oder unter null), doch als Steuerzahler und Eigentümer der Notenbanken wurden sie zur unentgeltlichen Übernahme der Kreditrisiken gezwungen. „Ihnen die Risikoprämien wegzunehmen, nicht aber die Risiken selbst, bedeutet eine besonders krasse Form der Enteignung“, betont der Wirtschaftsforscher.
Der Verdacht bestehe, dass die EZB nicht nur Geldpolitik betreibt, sondern auch Verteilungspolitik. Erhärtet sich dieser Verdacht, lässt sich für Sparer und Altersvorsorger erst recht nur noch mit kapitalmarktnahen Produkten gegensteuern. Die Einführung von Verwahrentgelten der Banken für Privatkunden ist ohnehin ein guter Beratungsanlass für Makler. Wenn jetzt aber noch die Inflation deutlich anzieht, ist guter Vorsorge-Rat teuer.
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