Seelische Belastungen haben infolge der Coronapandemie zugenommen. Und folglich auch die Anzahl der Krankheitstage sowie die Besuche beim „Seelenklempner“, respektive Psychotherapeuten. Das belegen mittlerweile zahlreiche Umfragen und Erhebungen – etwa der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) und jüngst die Axa-Mental-Health-Studie sowie der DAK-Psychreport 2022.
Bislang eher eine Randnotiz, rückt diese Thematik immer mehr in den Blickwinkel der privaten Krankenversicherung. Wer als Erstes die PKV-Musterbedingungen zu Rate zieht, stellt fest: Zwar besteht grundsätzlich ein Erstattungsanspruch für medizinisch notwendige Psychotherapie. Genauer geregelt ist dieser Bereich jedoch nicht. „Den tariflichen Leistungsumfang im Bereich der Psychotherapie bestimmt jedes PKV-Unternehmen selbst“, erklärt dazu auf procontra-Nachfrage der PKV-Verband.
Wer was bekommt, ergibt sich also jeweils aus dem Tarif – und das mit durchaus gravierenden Unterschieden. „In stark abgespeckten Tarifen fehlt ambulante psychotherapeutische Behandlung vielfach“, so Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen. Andere erstatten nur bis zu einer bestimmten Sitzungsanzahl vollständig, im Weiteren dann beispielsweise noch 80 Prozent. In älteren Tarifen ist die Anzahl der ambulanten Therapiesitzungen nach ihrer Erfahrung oft auf 20 bis 30 Stunden begrenzt. In den neuen Unisextarifen, die in der Regel 2013 auf den Markt gekommen sind, sei allerdings nachgebessert worden.
Eine Sache von Stunden
Diese Umstellung „haben viele Unternehmen genutzt, um die öffentlich diskutierten Leistungslücken“ im Bereich der ambulanten Psychotherapie zu schließen, heißt es vom PKV-Verband. In der Regel dürften die Unisex-Tarife hier mindestens 50 Therapie-Sitzungen pro Jahr vorsehen. Darauf bezieht sich auch Wiltrud Pekarek, Vorstand Hallesche Krankenversicherung: Der vom PKV eingeführte Mindestkatalog sei zwar keine rechtsverbindliche Vorgabe, werde aber von nahezu allen PKV-Tarifen erfüllt.
Teils gehen die Gesellschaften auch deutlich darüber hinaus. „Bei 80 und selbst 100 Sitzungsstunden jährlich kommen doch noch relativ viele Anbieter zusammen“, räumt Hubloher ein. Allerdings sei das noch ein ganzes Stück entfernt von den bis zu 300 Stunden, die die gesetzlichen Krankenkassen im Krankheitsfall ermöglichen. „Das wäre zum Beispiel eine Psychoanalyse. Auch hier natürlich erst nach Antrag und Genehmigung.“ Eine Hürde, die wiederum für Privatversicherte in Premiumtarifen bei einer Psychotherapie teils entfällt. Bei Einstiegskosten von hier monatlich 500 bis 600 Euro für einen 35-Jährigen hört die Verbraucherberaterin und Medizinerin dann allerdings manchmal: Psychotherapie brauche ich nicht. „Aber, das weiß man nicht.“ Auch infolge schwerer Erkrankungen wie Krebs oder Long-Covid könnte man darauf angewiesen sein, weil man überhaupt nicht mehr belastbar ist. „Auch wenn man von sich denkt, man sei psychisch stabil.“
Was braucht man vielleicht irgendwann doch? Das betrifft im Weiteren auch die Auswahl möglicher Behandler. „Bei ärztlichen Psychotherapeuten gibt es kein Problem“, so Hubloher. „Wer auch von psychologischen Psychotherapeuten und/oder Heilpraktikern behandelt werden möchte, sollte im Kleingedruckten prüfen, ob diese Behandler eingeschlossen sind.“
Mit Fingerspitzengefühl
Aber, wer weiß das schon vorher? Und wer will sich damit schon vorher beschäftigen – erst recht in jungen Jahren? Anders gesagt: Makler hilf! „Im Beratungsgespräch sollten nicht nur die Themen behandelt werden, die für den Kunden momentan aktuell sind“, präzisiert Wiltrud Pekarek. Das sei wie beim Hausbau. „Fehler rächen sich für den Kunden meist erst nach mehreren Jahren. Wer das in seiner Beratung berücksichtigt, spricht die wichtigen Themen an.“
Das sollte inzwischen leichter fallen in einem Umfeld, in dem die „Stigmatisierung psychischer Erkrankungen Schritt für Schritt abnimmt“, dieses Fazit zieht man bei Axa auch im Zusammenhang mit der gestiegenen Inanspruchnahme psychotherapeutischer Leistungen der Versicherungsnehmer.
Allerdings: Einen zeitnahen Termin bei einem qualifizierten Psychotherapeuten/Psychologen zu bekommen – das ist nach Einschätzung der Nürnberger sowohl für GKV- als auch PKV-Versicherte ein Problem.
Die Telemedizin ist vor diesem Hintergrund gleich mehrfach Hoffnungsträger: Psychotherapie per Videochat gibt es etwa bei Axa und Alte Leipziger – oder kostenlose Coaching-Programme wie „Meine Psyche“ bei der Nürnberger.
Die andere Frage ist, ob eine Krankengeschichte mit Psychotherapie überhaupt zur Aufnahme in die PKV führt. „Da reichen für eine Ablehnung manchmal schon wenige Probesitzungen“, sagt Hubloher.
„Makler sollten bei Antragstellung umfassend und explizit die psychischen Beschwerden und Behandlungsintensitäten ihrer Kunden beschreiben, damit eine individuellere und bessere Beurteilung des Risikos möglich ist“, formuliert Jürgen Hertlein, Leiter Produkt- und Marktmanagement der Nürnberger Krankenversicherung, diplomatisch. Dort fragt man beispielsweise fünf Jahre zurück, anderswo über einen Zeitraum von zehn Jahren.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!

