Am 22. März soll die Europa-Rente eingeführt werden. Dabei strebt die EU für die Policen einen Inflationsausgleich sowie den Vertrieb als Garantieprodukt an. Die Chance, dass die europäische Altersvorsorge demnächst den Markt erobert, schätzte der GDV kürzlich als gering ein. Die Vorgaben der EU für die Versicherer seien einer Studie zufolge zu hoch. Wie erfolgsversprechend die sogenannte PEPP sein wird, diskutieren für procontra der PEPP-Experte Til Klein und Alexander Kling vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften.
Til Klein (Gründer Vantik, Mitglied im PEPP-Expertenrat): Pro
Mit dem Pan-European Personal Pension Product (PEPP) hat die EU den Rahmen für eine zeitgemäße private Altersvorsorge in Europa gelegt. Die Europarente ist sowohl für die Verbraucher:innen als auch für Anbieter attraktiv.
Insbesondere für Verbraucher:innen bringt die Europarente erhebliche Vorteile. Vor allem mehr Rente im Alter durch mehr Rendite und weniger Kosten. Eine höhere Rendite wird durch flexiblere Anlagevorschriften und den Wegfall teurer Garantien möglich. Mehr Wettbewerb, mehr Digitalisierung und mehr Skalierbarkeit führen mittelfristig auch zu niedrigeren Kosten. Außerdem wird der Markt für private Altersvorsorge durch einheitliche Informationen und die Einführung eines Standardproduktes, des sogenannten Basis-PEPP, für Verbraucher:innen deutlich transparenter und übersichtlicher. Und wenn diese nicht mehr zufrieden mit einem gewählten Produkt oder Anbieter sind, können sie mindestens alle fünf Jahre wechseln. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Europarente sowohl in der Ansparphase als auch in der Auszahlungsphase europaweit über Grenzen hinweg mitgenommen werden kann.
Asset Manager und Robo-Advisor stehen in den Startlöchern
Offen ist derzeit noch die steuerliche Behandlung, die auf nationaler Ebene geregelt werden muss. Im Wahlkampf hat der heutige Bundesfinanzminister Christian Lindner versprochen, die Europarrente mit anderen Produkten wie Riester und Rürup steuerlich gleichzustellen. Auch für Anbieter ist die Europarente eine große Chance, längst überfällige Themen anzugehen. Mit ihr kommt der rechtliche und regulatorische Rahmen, europaweit eine digitale und flexible Altersvorsorge ohne teure Garantien anbieten zu können. Dabei wird den Anbietern sehr viel Gestaltungsspielraum z. B. hinsichtlich Anlagestrategien, möglichen Zusatzabsicherungen und der Auszahlungsarten gelassen.
Leider hat die Versicherungsbranche bisher keine Absicht erkennen lassen, die neuen Möglichkeiten der Europarente zu nutzen, um innovative und zeitgemäße private Altersvorsorge-Produkte auf den Markt zu bringen. Der Reformbedarf beim Thema der privaten Altersvorsorge ist hoch und längst überfällig. Mit der Europarente gibt es jetzt einen rechtlichen Rahmen für innovative, neue Anbieter und für moderne Produkte. Die Europarente ist vielleicht noch nicht perfekt, so gibt es noch einige offene Fragen zu klären und es herrscht gegebenenfalls Nachbesserungsbedarf an einigen Stellen. Aber grundsätzlich ist die Europarente ein großer Fortschritt in die richtige Richtung, sowohl für Verbraucher:innen als auch für Anbieter.
Es wird daher Zeit, dass die Versicherungsbranche endlich ihren Widerstand gegen die Europarente aufgibt und die Chance ergreift, die private Altersvorsorge zu modernisieren. Andernfalls kann es sein, dass sie von neuen Spielern überholt wird. Denn mit der Europarente kommt auch die Öffnung der privaten Altersvorsorge für Nicht-Versicherungen, wie z.B. Asset Manager, Robo-Advisor und Neobroker. Die stehen schon in den Startlöchern, um die Innovationslücke zu füllen, welche die Versicherungsbranche offen lässt.
Seite 1: Die Europarente bringt überwiegend Vorteile mit sichSeite 2: Die Grundidee ist zwar gut gemeint, wurde aber nicht gut umgesetzt
Alexander Kling (Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften): Contra
Die Grundidee eines Paneuropäischen Privaten Pensionsprodukten (PEPP) ist grundsätzlich zu begrüßen. Die PEPP-Verordnung enthält viele sinnvolle Ansätze und Ideen. Produktseitig bietet sie insbesondere die Möglichkeit, anstelle von formalen Garantien sogenannte Risikominderungstechniken einzusetzen. Bei geeigneter Ausgestaltung können diese nämlich ein ähnliches Maß an Sicherheit bewirken wie eine Garantie und gleichzeitig ein höheres Chancenpotenzial erlauben. Diese Grundidee ist zwar gut gemeint, wurde aber nicht gut umgesetzt:
In den regulatorischen technischen Standards zur PEPP-Verordnung werden konkrete Anforderungen an die genannten Risikominderungstechniken definiert, und zwar in Form von Risikokennzahlen, die nicht überschritten werden dürfen. Das Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (ifa) hat in Zusammenarbeit mit dem Verband der Versicherungsunternehmen Österreichs (VVO) diese Anforderungen quantitativ analysiert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass im aktuellen Umfeld weder übliche Versicherungsprodukte noch Misch- oder Life-Cycle-Fonds alle Anforderungen erfüllen können.
Anforderungen an Europarente aktuell nicht erfüllbar
Besonders kritisch ist die Anforderung, dass die Produkte mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent Inflationsausgleich generieren müssen. Trifft man nämlich bei der Analyse der Produkte Modellannahmen, die auch nur halbwegs zum aktuellen Kapitalmarktumfeld passen, dann ist diese Anforderung schlichtweg nicht erfüllbar. Dies liegt übrigens nicht daran, dass die Inflation aktuell besonders hoch ist, sondern daran, dass das aktuell sehr geringe Nominalzinsniveau deutlich unter der langfristigen Inflationserwartung von 2 Prozent liegt, die von der EU für die Analyse der PEPP-Produkte vorgeschrieben wurde.
Das Kernproblem bei der derzeitigen Ausgestaltung der Regulierung ist, dass die EU absolute Werte für die Risikokennzahlen vorgibt (zum Beispiel die genannten 80 Prozent Wahrscheinlichkeit für Inflationsausgleich). Das (stochastische) Modell, das für die Berechnung der Risikokennzahlen verwendet wird, sollte hingegen sinnvollerweise zum jeweils aktuellen Marktumfeld passen. Je nach Marktumfeld kann es dadurch zu Situationen kommen, in denen entweder (so wie derzeit) keines oder aber fast alle Produkte die formulierten Anforderungen erfüllen. Diese Schwankung der Ergebnisse im Zeitverlauf ist nicht zielführend und vermutlich auch nicht beabsichtigt.
Aus diesem Grund sind die Anforderungen an die neue Europa-Rente aktuell schlicht nicht erfüllbar. Unsere Analysen zeigen aber Wege zu einer sinnvolleren Regulierung auf.
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