procontra: Im Gleichordnungskonzern Signal Iduna sind die Konzern-Obergesellschaften selbstständig, unterstehen aber einer einheitlichen Leitung. Dennoch leisten Sie sich weiter zwei Hauptverwaltungen in Dortmund und Hamburg. Ist das noch zeitgemäß?
Uhlig: Beide Standorte besitzen eine Historie. Sie sind heute zudem eine attraktive Anlaufstelle für kompetente und talentierte Mitarbeiter. Standortunabhängig profitieren auch Makler und Kunden von modernen kollaborativen Plattformen. Die Pandemie hat die digitale Arbeitsweise beschleunigt und für mehr Nachhaltigkeit gesorgt.
procontra: Sie verantworten Vertrieb, Vertriebsservice, Außendienstorganisation, Marketing und Unternehmensverbindungen, müssen also ein Herz für den hauseigenen Außendienst und für Makler haben. Wie geht das zusammen und bei wem liegt die Zukunft im Vertrieb?
Uhlig: Wir setzen auf eine breite und flexible organisatorische Aufstellung, um beiden Vertriebswegen gerecht zu werden. Das bringt synergetische Vorteile, aber auch Spezifika für Kunden, die letztlich den Vertriebskanal wählen. Unsere Omnikanalstrategie rundet das Zusammenspiel ab und führt zu einer ganzheitlichen Marktbearbeitung mit dem Fokus auf den hybriden Kunden. Dennoch legt ein Großteil der Kunden Wert auf direkte, persönliche Beratung. Insofern bleiben auch in der Zukunft Ausschließlichkeit und Makler als persönliche Ansprechpartner gleichermaßen wichtig.
procontra: Der Trend hin zu mehr ratierlicher Courtage und weniger Abschlusscourtage im Altersvorsorgegeschäft ist für manche Makler nicht leicht. Was bieten Sie Maklern da für den Übergang?
Uhlig: Die Signal Iduna steht auch weiter zur Abschlusscourtage im Altersvorsorgegeschäft. Gleichzeitig bieten wir alternative Vergütungsmodelle. In der tariflichen bAV für Hotels und Gaststätten (Hoga-Rente) etwa bekommt der Berater bis zu 4,0 Prozent laufende Vergütung auf den gezahlten Beitrag anstelle einer einmaligen geringen Abschlusscourtage. Durch die zunehmende digitale Beratung und Verwaltung erhält der Berater aber Zugang zu mehr Kunden, was seinen Umsatzrückgang bei der Abschlusscourtage ausgleicht. Im Zweifel haben wir noch immer individuelle Lösungen gefunden.
procontra: Signal Iduna gehört zu den zwölf größten deutschen Assekuranzen und ist traditionell auf die Zielgruppen Handwerk, Handel und Gewerbe fokussiert. Da muss Sie die Pandemie doch besonders getroffen haben. Wie fällt die bisherige Bilanz bei Betriebsschließungsversicherungen (BSV) aus?
Uhlig: Zu Beginn der Pandemie war branchenweit eine defensive Haltung bis hin zur Leistungsverweigerung vieler Versicherer wahrzunehmen. Das hat dem Image unserer Branche geschadet. Wir waren uns in dieser besonderen Krisensituation sehr schnell unserer Verantwortung für unsere Kunden bewusst und haben uns klar zugunsten der Kunden positioniert. Unseren Brutto-Aufwendungen für Leistungen aus der BSV von über 50 Millionen Euro standen dabei Prämieneinnahmen von nur 500.000 Euro gegenüber.
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procontra: In der gesetzlichen Pflegeversicherung explodieren die Kosten regelmäßig und führen zu Beitragserhöhungen. Wie sähe eine echte Pflegereform aus?
Uhlig: Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind eindeutig zu verbessern: monetäre Anreize, weniger Bürokratie, weniger Zeitdruck und angemessene Personalschlüssel könnten dabei Teil der Lösung sein. Zudem sollte der Fokus nicht nur auf die Situation in Heimen und bei Pflegediensten gerichtet werden, sondern auch auf die häusliche Pflege. Denn: Deren Ausbau entspricht dem Wunsch der meisten Pflegebedürftigen, weiter in den eigenen vier Wänden leben zu können. Ein höheres Pflegegeld, bessere Rentenanwartschaften für Pflegende oder ein dem Elterngeld vergleichbarer Lohnersatz, mit dem sich eine berufliche Auszeit für Pflegende finanziell besser überbrücken lässt. Das kostet, kann aber teure Heimplätze ersetzen.
procontra: Sie haben kürzlich einen neuen Lebensversicherer gegründet, der ab 2022 das Neugeschäft übernimmt. Damit schicken Sie die alte Gesellschaft in den Run-off. Was ist der Grund und wie wird es um Service und Ansprechpartner im Bestand bestellt sein?
Uhlig: Die Obergesellschaften der Gruppe sind Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit. Nachhaltiges Wirtschaften liegt damit in unserer DNA. Mit der Neugründung wollen wir einen weiteren wichtigen Schritt zu einem klimaneutralen Unternehmen und nachhaltig ausgerichteten Produkten gehen, auch in der bAV. Ein Run-off war für uns nie ein Thema. Gegenüber den Bestandskunden erfüllen wir weiterhin vollumfänglich unser Leistungsversprechen. Sie erhalten weiter die vereinbarten Leistungen und den gewohnten Service. Makler partizipieren von der Neugründung, weil ihnen die gesamte nachhaltig ausgerichtete Produktpalette zur Verfügung steht. Wir integrieren das Thema Nachhaltigkeit in die Verkaufsunterlagen und sofern unser Angebotsservice verwendet wird, kann gezielt eine Abfrage nach der Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit für Kunden im Beratungsgespräch genutzt werden.
procontra: Bei Betriebsrenten ist neben dem Rechnungszins von nur noch 0,25 Prozent im Neugeschäft ab 2022 die weiterhin vorgeschriebene 100-Prozent-Garantie bei der Beitragszusage mit Mindestleistung (BZML) ein Klotz am Bein. Was muss sich da ändern?
Uhlig: Eine BZML ist praktisch nicht mehr darstellbar. Dringend erforderlich wäre, das Garantieniveau gesetzlich abzusenken. Nur so wären überhaupt Anlagen im freien Kapitalmarkt und damit Chancen auf attraktive Renditen möglich. Erfolgt keine gesetzliche Lockerung der Garantieanforderungen, wird die BZML vom Markt verschwinden.
procontra: Viele Experten sehen unter diesen Umständen eine beitragsorientierte Leistungszusage (BoLZ) als gute Alternative. Dort gibt es aber mehrere arbeitsrechtliche Fragezeichen. Wie hoch sollte die BoLZ-Garantie sein?
Uhlig: Wir legen schon seit langem den Fokus auf die BoLZ und haben damit sehr frühzeitig auf die Rechnungszinsentwicklung reagiert. Eine 80-Prozent-Absicherung käme dem Sicherheitsbedürfnis der Kunden zugute, erlaubte gleichzeitig eine flexiblere Kapitalanlage und wird auch von Arbeitsrechts-Experten akzeptiert. Ein Garantieniveau weit unter 80 Prozent würde den Spielraum für chancenreiche Anlagen deutlich erweitern. Hier fehlt es allerdings zurzeit noch an einer dringend notwendigen gesetzlichen Klarstellung und damit an Rechtssicherheit.
procontra: Ab 2022 muss der Arbeitgeber bei allen Entgeltumwandlungen im Bestand 15 Prozent Zuschuss geben. Aber viele Versicherer stocken die Beitragssumme in bestehenden Policen nicht auf. Warum nicht und was ist die Alternative?
Uhlig: Es ist weder festgelegt, dass der AG-Zuschuss in den bestehenden Vertrag fließen muss, noch dass bei einem Neuvertrag das gleiche Produkt zu verwenden ist. Wir bieten bereits seit 2019 ein umfangreiches Informations- und Lösungspaket an. So können Zuschüsse unter bestimmten Voraussetzungen in den bestehenden Vertrag eingebracht werden. Ist das nicht möglich, bieten wir Rucksackverträge mit aktuellem Rechnungszins oder eine Reduktionslösung an. Letztere bedeutet zunächst einmal, dass der bisherige Beitrag zur Entgeltumwandlung gleichbleibt. Zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird der Beitrag allerdings gesetzeskonform neu aufgeteilt. Für Arbeitgeber mit mehreren bAV-Anbietern im Bestand bieten wir unter bestimmten Voraussetzungen auch individuelle Lösungen. Dank durchgehend digitaler Prozesse in der bAV sind wir sehr gut aufgestellt und können dieses Geschäft für unsere Kunden einfach und kostengünstig verwalten. Wir bieten hier sowohl den Arbeitgebern als auch den Vermittlern die Verwaltungsplattform von Xempus an.
Vielen Dank für das Gespräch.
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