Die Digitalisierung ist im Maklerbüro angekommen, wenn man sie denn hereinlässt. Welchen Weg man als Makler im Detail gehen müsse, dafür gebe es keinen Masterplan. Das muss jeder Betrieb selbst ausprobieren“, so das Fazit einer Fachtagung des Bundesverbandes Deutscher Versicherungs-Makler (BDVM) kürzlich in Hamburg (procontra berichtete).
Eng mit dem Thema Digitalisierung hängen die Themen Cyberkriminalität und Cyberversicherungen zusammen, erklärte Achim Fischer-Erdsiek, Geschäftsführer der NW Assekuranz Pro Risk und bis letzten Freitag BDVM-Vorstand, auf der Tagung. Dabei sei zu beobachten, dass die Zahl der Abschlüsse von Cyberversicherungen analog zu den Schadenerfahrungen der Firmen kontinuierlich wachse.
„Die Kunden lernen durch Schmerzen“, berichtete der Makler. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) hätten inzwischen viele kleine Cyberschäden mit je 5.000 bis 15.000 Euro zu beklagen. Die Betriebsunterbrechung schlage aber bereits mit durchschnittlich 250.000 Euro zu Buche. Das Cyberthema sei „sehr beratungsintensiv“ auf Seiten der Makler, aber zugleich auch sehr dynamisch und sensibel auf Seiten der Versicherer.
Divergierende Markteinschätzungen
Dem Rückversicherer Munich Re zufolge wird das Cyber-Marktvolumen in Europa für das laufende Jahr bei 800 Millionen Euro Jahresbeitrag. Auf Deutschland entfielen nach Branchenumfragen rund 150 Millionen Euro. Im Vergleich dazu lag laut einem Bericht von Aon das Marktvolumen in den USA 2018 bei rund zwei Milliarden US-Dollar, gab Fischer-Erdsiek eine Markteinordnung ab.
Laut Munich Re kalkuliere die Branche mit einer Schadenquote von 80 Prozent. Druck auf die Preise gebe es nicht. Die Erstversicherer zeichnen dagegen ein anderes Bild. „Derzeit steigende Schadenquoten führen zu steigenden Prämiensätzen - zum Teil auf das Doppelte - und sinkenden Kapazitäten. Die Versicherer reduzierten ihre Limits auf eine Größenordnung von rund 15 Millionen Euro. Ursache: Die Schadenfrequenz steigt ebenso wie die Zahl der Großschäden.
Auf Bedingungsseite gebe es bei mehreren Aspekten noch Klärungsbedarf. Namentlich nannte der BDVM-Experte die Aspekte Silent Cyber (inwieweit Cyberschäden in klassischen Policen mitabgedeckt sind), Kriegsklausel (Cyberangriffe als Teil kriegerischer Handlungen), Cloudcomputing und strafrechtliche Relevanz von Lösegeldzahlungen.
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Risiken digitaler Geschäftsmodelle noch nicht eingepreist
Ein Problem in der Cyberversicherung betreffe den Begriff der Betriebsunterbrechung. „Viele Bedingungen sehen die Betriebsunterbrechung als beendet an, wenn die IT-Systeme wieder funktionieren“, so Fischer-Erdsiek deutlich. „Dann sind jedoch längst nicht alle Probleme beseitigt, die eigentliche betriebswirtschaftliche Unterbrechung dauert in der Regel viel länger“, weiß der Makler aus Erfahrung.
Bei der Bewertung der Komplexität und Dynamik der Risiken der Digitalisierung könne man sich an die Feuerversicherung anlehnen. Nicht umsonst gelte die IT-Sicherheit als der Brandschutz des 21. Jahrhunderts. Durch Richtlinien und Standards in der Feuerversicherung konnte in der Vergangenheit Klarheit und Struktur in die Bewertung von Risiken gebracht werden.
„Die Versicherungswirtschaft hätte spätestens mit Konzeption und Einführung des GDV-Cyber-Musterwordings verbindlicher werden müssen“, kritisiert Fischer-Erdsiek. Zumindest leiste der Bewertungs-Standard wertvolle Basisarbeit für die Risikobewertung. Wichtig sei es, dass die Branche jetzt qualifiziertes Personal aufbaue und Standards entwickle, bevor die Cyberversicherung zum Bumerang wird.
Vom BDVM wird die Marktentwicklung in der Arbeitsgruppe Cyberversicherung, die Fischer-Erdsiek leitet, schon seit sechs Jahren begleitet. Der Verband sieht die Cyberversicherung als einen ersten Einstieg zur Absicherung von Risiken der Digitalisierung. Derzeit würden vor allem Versicherungsschutz und Deckungslücken auf dem heutigen Status Quo der aktuellen Prozesse und Geschäftsmodelle definiert.
„Parallel hierzu müssten Überlegungen zu den digitalen Geschäftsmodellen, die auf gemeinsamer Nutzung von Daten und IT-Strukturen beruhen, angestellt werden, denn die digitale Realität ist schon weiter“, so der Experte. Hier verschwimme die Zuordnung von Fremd- und Eigenschäden. Die Cyberversicherung sei erst der Anfang in der auf die Digitalisierung abgestellten Versicherungslösungen.
Ähnliche Ergebnisse bei Marktuntersuchungen
Diese Einschätzung wird durch eine gemeinsame Umfrage des Analysehauses Assekurata und der Strategieberatung Instinctif Partners unter Versicherern und Spezialmaklern untermauert. 85 Prozent der Anbieter empfinden die Wettbewerbssituation als intensiv. Dabei werde der Kampf über das Bedingungswerk als noch etwas stärker angesehen als der Prämienwettbewerb.
Der Cyber-Markt sei noch nicht wirklich reif, aber in Bewegung gekommen. 74 Prozent der Befragten erkennen in konventionellen Sach- und Haftpflichtdeckungen erhebliche Silent-Cyber-Risiken. Unter „Silent Cyber“ verstehen Versicherer potentielle Cyberrisiken, die teilweise über die klassischen Versicherungen wie Haftpflicht- und Sachversicherung abgedeckt sind, nicht jedoch über die eigentliche Cyberversicherung.
Andere Cyber-Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen, jüngst etwa vom Risikoberater Willis Towers Watson (procontra berichtete), der Gothaer Versicherung (procontra berichtete) sowie dem Hiscox Cyber Readiness Report und einer YouGov-Maklerumfrage (procontra berichtete). Ein erstes Rating gewerblicher Cyberpolicen hatte Franke und Bornberg im Herbst 2018 vorgelegt (procontra berichtete).
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