procontra: Mit Joonko hatten Sie ein vielversprechendes Projekt gestartet, mit dem die Versicherer die steigende Marktmacht von Check24 hätten brechen können. Trotzdem fehlte es an Investoren – wie erklären Sie sich das?
Ramin Niroumand: Es war ein sehr ambitioniertes Ziel, das wir uns gesetzt hatten, aber manchmal gehen große Wetten einfach nicht auf. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg ist das richtige Timing – hier hat uns die Corona-Krise nicht in die Karten gespielt. Zum einen hat sie die Risikobereitschaft von Investoren gegenüber jungen Unternehmen beeinträchtigt. Darüber hinaus ist durch die Pandemie auch der Absatz von Autos und damit von Autoversicherungen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Meiner Meinung nach wäre der Markt letztlich gekommen, doch die Investorenbereitschaft – auch unter den Versicherern – war nicht gegeben. Das Feld der Aggregatoren wird in Deutschland damit weiter Check24 überlassen.
procontra: Laut Umfragen sieht sich jedes zweite Start-up in Deutschland aufgrund von Corona in seiner Existenz bedroht. Kommt nach dem Gründerboom jetzt der Gründerkrach?
Niroumand: Unabhängig von Corona fühlen sich neun von zehn Start-ups permanent in ihrer Existenz bedroht, da in der Regel nur eines von zehn Unternehmen den Durchbruch schafft. Allerdings wirkt sich Corona natürlich auf die Start-ups aus, positiv wie negativ.
procontra: Beginnen wir mit der schlechten Nachricht.
Niroumand: Wir stellen fest, dass die Bereitschaft gesunken ist, junge und mutige Ideen entsprechend zu fördern – das haben wir ja mit Joonko am eigenen Leib zu spüren bekommen. Gleichzeitig hat Corona zu einem echten Digitalisierungsschwung geführt und lange gepflegte Gewohnheiten, wie beispielsweise die Vorliebe der Deutschen für das Bargeld überwunden. Den vielen Start-ups, die im B-to-B-Bereich tätig sind und Unternehmen bei der Prozessverbesserung und Digitalisierung unterstützen, verleiht Corona zusätzlichen Schwung. Für Finleap sehe ich aufgrund unseres B-to-B-Fokus mehr Vor- als Nachteile – so konnten wir während der Hochphase der Corona-Krise vier Finanzierungsrunden – für Element, die Solaris- Bank, Penta und Pair Finance – erfolgreich abschließen, was auch die Resilienz unseres Geschäftsmodells beweist.
procontra: Wie testen Sie bei Finleap, welche Geschäftsidee tatsächlich Potential besitzt?
Niroumand: Es gibt Ideen, an die muss man in erster Linie glauben. Baut man eine digitale Versicherung wie Element auf, kann man diese nicht einfach mal am Markt testen. Dafür braucht es vielmehr ein Gespür für den Markt und das komplexe Zusammenspiel von Unternehmertum, Regulatorik und Technologie. Für B-to-C-Modelle, die Finanzdienstleistungen im bewussten Kontext anbieten, versuchen wir über Zielgruppenansprachen auf den verschiedenen Vertriebskanälen, momentan insbesondere Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram, herauszufinden, welche Finanzprodukte für die sogenannte Generation Z passen.
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procontra: Ergeben sich aus der Corona-Krise denn auch selbst Ansätze für neue Geschäftsmodelle?
Niroumand: Das Thema „New Work“ gewinnt durch die Corona-Pandemie enorm an Bedeutung. Es stellt sich die Frage, ob die zuvor präferierten „open spaces“ immer noch das passende Arbeitsumfeld sind, oder ob in Pandemiezeiten nicht wieder Einzelbüros die bessere Option sind oder weniger Flächen benötigt werden. Da man aber nicht für alle Mitarbeiter ein Einzelbüro einrichten kann, braucht es die richtige Balance aus Einzelbüros, Homeoffice und öffentlichem Austausch – daraus ergeben sich wiederum Auswirkungen auf den Versicherungsschutz, die es zu beachten gilt. Wir sehen gerade sehr viele interessante Ansätze in diesem Bereich. Auch das Thema Nachhaltigkeit hat durch die Corona-Pandemie noch einmal mehr an Bedeutung gewonnen, was sich in der Finanzindustrie durch eine Vielzahl neuer Projekte und Produkte niederschlägt.
procontra: In den USA feierten jüngst Insurtechs wie Lemonade und Root sehr erfolgreiche Börsengänge. Warum sehen wir so etwas nicht in Deutschland – sind die deutschen Unternehmen schlicht noch nicht soweit?
Niroumand: Wenn man sich mal die Kollegen von Wefox, One oder auch Clark und Element anschaut, müssen wir uns im Hinblick auf Technologie und Usability sicherlich nicht hinter Lemonade & Co. verstecken. Allerdings ist ein Finanzvolumen, was Lemonade bereits bei seinem Börsengang eingesammelt hat, hierzulande nicht möglich. In Europa und Deutschland ist das Vertrauen in großflächige Veränderungen bei weitem nicht so stark ausgeprägt wie in den USA, zudem ist hier der Markt wesentlich fragmentierter. Obwohl hierzulande in der Versicherungsbranche viel Geld vorhanden ist, werden Ideen nicht mit der Konsequenz verfolgt und finanziert, wie das bei Lemonade zu beobachten ist.
procontra: Kann das zum Problem für die europäischen Insurtechs werden? Finanzstarke Unternehmen wie Lemonade haben schließlich schon den Sprung über den großen Teich gewagt.
Niroumand: Selbst Tim Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom und damit CEO einer der größten deutschen Technologieunternehmen, hat im Hinblick auf den Wettstreit um die digitale Welt zwischen Silicon Valley und deutschen Unternehmen gesagt, dass wir dabei sind, die zweite Halbzeit zu verschlafen. Wir müssen uns hier in Europa technologisch nicht verstecken. Allerdings ist es einfacher, eine digitale Plattform in einem Markt für 300 Millionen auszurollen als in einem fragmentierten Markt wie Europa, mit unterschiedlichen Sprachen und uneinheitlicher Regulatorik. Wenn wir es nicht hinbekommen, Gesetze zu harmonisieren, werden wir den Wettstreit der Plattformen und letztlich der Daten verlieren. Da steht es mittlerweile fünf vor zwölf. Ereignisse wie der Wirecard-Skandal erweisen uns natürlich einen Bärendienst, da sie das Vertrauen in Technologie-Unternehmen noch einmal nachhaltig schädigen.
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