Professor warnt: Intransparente Versicherungs-Kosten bedrohen Altersvorsorge
Sowohl in der Einzahlungs- als auch in der Auszahlungsphase von Produkten zur privaten Altersvorsorge wimmelt es von intransparenten Kostenkalkulationen. Das zumindest behauptet Karl Michael Ortmann, Aktuar und Professor für Mathematik an der Berliner Hochschule für Technik. Was er damit genau meint, erläuterte er jetzt auf einer Fachtagung, zu der der Bund der Versicherten (BdV) nach Hamburg eingeladen hatte.
Effektivkostenquote hat keine Aussagekraft
Mit Blick auf die Einzahlungsphase kritisiert Ortmann insbesondere, dass die sogenannte Effektivkostenquote nur unter „Laborbedingungen“ eine sinnvolle Orientierungshilfe sein könne, für die Praxis aber kaum Aussagekraft habe. Das sei in etwa vergleichbar mit dem Abgasskandal in der Automobilindustrie, bei dem die Fahrzeuge im Labor auch ganz andere Abgaswerte lieferten als später auf der Straße.
„Es müssen eine Reihe von externen Prämissen gemacht werden, damit die Effektivkostenquote verschiedener Produkte vergleichbar wird“, erläutert Ortmann. „Dazu gehören unter anderen die Vorgabe der Sparbeitragsrendite, Laufzeit, Fondsauswahl, Storno, Beitragsfreistellung und -dynamik.“
Diese externen Vorgaben seien jedoch nicht für jeden Verbraucher passend. So erreichten zum Beispiel nur etwa die Hälfte aller Versicherungsnehmer überhaupt das normale Vertragsende. „Unterschiedliche Prämissen“, so Ortmann, „bewirken mitunter nur eine kleine Änderung um wenige Prozentzehntel für die Effektivkosten, jedoch eine sehr große absolute Reduktion in Tausenden Euro bezüglich der Höhe der Ablaufleistung. Das erkennt und weiß doch kein Kunde.“ Die ausgewiesenen Kosten stellten also nie die tatsächlichen Kosten da.
„Vollständige Kostentransparenz ist unmöglich"
Für den Mathematik-Professor stellt sich hier die Frage, ob diese Intransparenz nicht am Ende sogar von den Verbrauchern eingeklagt werden könne, ähnlich wie beim Abgasskandal in der Autoindustrie. Vollständige Kostentransparenz sei jedenfalls schlichtweg unmöglich. Und auch der Begriff der Effektivkostenquote sei irreführend, vielmehr handele es sich hier nicht um eine Quote, sondern um eine Rendite-Minderung.
Laut Ortmann sollten sich die Produktangaben auf zwei Kostenarten beschränken: die einmaligen und die laufenden Kosten. „Es gibt keinen Grund, dass diese Vielzahl an Kostenarten überhaupt zielführend für die Verbraucher ist. Es geht nur darum, Kosten zu verschleiern und schwarze Schafe weiß aussehen zu lassen.“ Gleichzeitig müsse auch die Höhe der Kosten gedeckelt werden – und zwar bei den Abschlusskosten auf maximal 1,5 Prozent der Beitragssumme und bei den Verwaltungskosten auf maximal 5 Prozent des Beitrags.
Langlebigkeitsrisiko als Renditekiller
Scharf ins Gericht geht Ortmann auch mit den von den Versicherern verwendeten Sterblichkeitsmargen in der Rentenbezugsphase. Diese seien viel zu vorsichtig kalkuliert und erwiesen sich so als regelrechte Renditekiller. Nach der häufig verwendeten Sterbetafel der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) habe etwa ein 67-jähriger Mann noch eine Lebenserwartung von rund 25 Jahren, bei der Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes seien es dagegen nur noch maximal 18 Jahre.
Der Hintergrund: Die Höhe der Zahlungen aus einer privaten Rentenversicherung ist maßgeblich davon abhängig, welche statistischen Lebenserwartungen der Versicherer zugrunde legt. Je länger die angenommene Lebenserwartung, desto geringer fällt die Rente aus, da das eingezahlte Kapital über einen längeren Zeitraum verteilt werden muss. Die Versicherer arbeiten hier, wie das Beispiel oben zeigt, üblicherweise mit einem hohen Sicherheitspuffer – auch, weil ihre Kunden sozio-ökonomischen Untersuchungen zufolge älter werden als etwa ärmere Menschen, die sich den Abschluss einer privaten Altersvorsorge gar nicht erst leisten können.
Nach Einführung einer obligatorischen, geförderten privaten Altersvorsorge wären solche Sicherheitsmargen deshalb nicht mehr notwendig, meint Ortmann. „Die Branche könnte dann das Langlebigkeitsrisiko abgeben und sich auf das konzentrieren, was sie kann – den Vertrieb von Produkten.“