Unter BaFin-Beobachtung

Welche Kreditrisiken schlummern in den Bilanzen der Versicherer?

Schlummern wirklich so große Kreditausfallrisiken in den Büchern der Versicherer, wie die BaFin-Versicherungsaufseherin Julia Wiens Anfang Februar angemahnt hatte? procontra hat nachgehakt.

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13:02 Uhr | 25. Februar | 2025
Julia Wiens leitet die Versicherungsaufsicht bei der Bafin

Julia Wiens ist seit Januar 2024 Exekutivdirektorin für den Geschäftsbereich Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

| Quelle: BaFin/Matthias Sandmann

Die Niedrigzinsphase von 2008 bis 2022 hatte viele Versicherer dazu gebracht, ihre Investmentstrategien neu auszurichten. Viele der Unternehmen investierten in illiquide Anlagen wie Private Equity und Private Debt, da hier hohe Renditen zu erwarten waren.

Heute sieht die BaFin in diesen Anlageformen jedoch auch ein schlummerndes Risiko, das die Versicherer im Blick behalten sollten. So sagte BaFin-Aufseherin Julia Wiens bei einer Assekuranz-Veranstaltung Anfang Februar, dass der Anteil der problematischen Kredite zunehmen dürfte. Darauf deute die wirtschaftliche Großwetterlage hin. Die Zahl der Regelinsolvenzen sei im vergangenen Jahr deutlich angestiegen. Laut ersten Zahlen des Statistischen Bundesamts um fast 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Ein schwaches wirtschaftliches Umfeld, steigende Insolvenzen – das bedeutet: Das Risiko, dass Kredite teilweise oder vollständig ausfallen, steigt. „Das sehen wir bereits im Bankensektor“, sagt Wiens. Die Quote notleidender Kredite bei deutschen Instituten sei bereits im dritten Quartal 2023 stark angestiegen und nehme seitdem weiter zu.

Kreditausfälle nicht nur ein Bankenthema

Aus Sicht der BaFin ist das keinesfalls nur ein Bankenthema. Auch Versicherer müssten sich mit den steigenden Kreditausfallrisiken auseinandersetzen. Und sie gut managen. „Zum einen, weil vermehrte Insolvenzen zu niedrigeren Prämieneinnahmen führen dürften. Und zum anderen natürlich, weil auch Versicherer Kredite an Unternehmen vergeben. Und sie investieren in alternative Kapitalanlagen wie Private Debt", so Wiens. Und das zu einem nicht unerheblichen Anteil. Ende 2023 machten Private-Debt-Investments immerhin 4,7 Prozent der gesamten Kapitalanlagen aus. Das klingt zunächst niedrig. Jedoch unterscheiden sich die Anteile der einzelnen Versicherer sehr stark und liegen in der Spitze bei rund 30 Prozent.

Hohe Anforderungen an das Risikomanagement

Solche Investments stellen laut Wiens hohe Anforderungen an das Risikomanagement. Wer in Private Debt investiere – egal, ob direkt oder über Fonds – müsse verstehen: Welchen Unternehmen wird damit Fremdkapital zur Verfügung gestellt? Und was für ein Geschäftsmodell haben diese Unternehmen? Das zu wissen ist essenziell. Wie wollen Sie sonst das Risiko beurteilen, das solche Anlagen mit sich bringen?

Versicherer sehen sich gut gerüstet

Wie eine Sprecherin des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf Nachfrage von procontra ausführt, sehen sich die Versicherer auf dickem Eis, was die von Wiens angesprochenen Assetklassen angeht. Trotz der lange anhaltenden Niedrig- und Negativzinsphase hätten die deutschen Versicherer in den vergangenen Jahren ihre Anlagen in risikoreichere Assetklassen nur moderat ausgeweitet. „Die Unternehmen verfügen über eine im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hohe Kreditqualität in ihren festverzinslichen Portfolios. Rund 90 Prozent der Rentenpapiere sind im Investment Grade Bereich investiert, ein besonders hoher Anteil sogar in den besonders sicheren Bereichen A-AAA“, erläutert die GDV-Sprecherin gegenüber procontra.

Solvency II Anforderungen ohnehin hoch

Darüber hinaus unterliegen die Versicherer im Vergleich zu anderen Kapitalsammelstellen dem seit 2016 gültigen europäischen Aufsichtssystem Solvency II und den damit einhergehenden erhöhten Anforderungen an das Risikomanagement. Solvency II ist ein risikobasiertes Aufsichtssystem, das dafür sorgt, das risikoreichere Anlagen auch mit mehr Eigenmittel unterlegt werden müssen. „Je schwächer also die Kreditqualität der Kapitalanlage ist, desto mehr Eigenmittel müssen dafür aufgebracht werden“, erläutert die GDV-Sprecherin. Zudem sieht das Prudent Person Principle in Solvency II vor, dass die Versicherer nur in solche Risiken investieren dürfen, die sie auch angemessen verstehen, messen und managen können. „Insofern halten wir die Versicherer für sehr gut aufgestellt, um einen gesamtwirtschaftlich bedingten Anstieg von Kreditausfällen in ihren Portfolios zu verkraften.“ 

BaFin schaut genauer hin

Künftig wird sich die BaFin vor allem die Versicherer genauer anschauen, die einen vergleichsweise hohen Anteil von Private Debt oder Private Equity in ihren Büchern haben.

„Bei diesen Unternehmen werden wir nachfragen: Wie ist Ihr Kapitalanlagerisikomanagement aufgestellt? Wie setzen Sie die Anforderungen des Grundsatzes der unternehmerischen Vorsicht um?“, so Wiens. Man wolle besser verstehen, wie die Unternehmen ihre Limit-Systeme ausgestalten und wie ihre Überwachungssysteme funktionieren. „Außerdem werden wir uns ansehen, wie sie ihre strategische Asset-Allokation herleiten.“

Die BaFin werde 2025 vermehrt darauf achten, ob die Versicherer über ein ausreichend leistungsstarkes Risikomanagement verfügen – inklusive genügend Personal, das über das entsprechende Know-how verfügt.